Alle mal durchatmen!

Das erste Heimspiel gegen RB Leipzig samt Aktionen der aktiven Fanszene ist Geschichte. Auf dem Rasen gab es in einem guten Fußballspiel einen Dämpfer. Doch medial berichtet wird vor allem über ein Spruchband. Wir blicken zurück und versuchen einzuordnen.

Spätestens seit dem Aufstieg der Leipziger wird das Thema RB eigentlich wöchentlich rauf und runter diskutiert. Dabei gibt es eine ganze Bandbreite von Meinungen darüber, wie das Projekt zu bewerten ist. Auf der einen Seite gibt es die, die dem Ganzen absolut nichts Negatives abgewinnen können. Demgegenüber steht die Meinung derer, die RB aus verschiedenen Gründen total ablehnen. Aber auch dazwischen gibt es zahlreiche Abstufungen in den Meinungen der Öffentlichkeit und der Fanszenen. Wir müssen zugeben: auch in der MitGedacht.-Redaktion sind wir nicht immer einer Meinung darüber, wie das Projekt RB zu beurteilen ist. Dabei sollten mittlerweile doch eigentlich alle Argumente ausreichend ausgetauscht worden sein.

Auch wir waren Teil der aktiven Fans, die zur Fortsetzung der gemeinsamen Aktion aus dem Hinspiel aufgerufen haben. Und so machten wir uns am Sonntag bei Regenwetter frühzeitig auf den Weg zum Borussia-Park, um dort an einem der Infostände im Stadion mitzuwirken. Wir waren überrascht: es kam es zu zahlreichen spannenden Gesprächen mit Borussia-Fans im Norden, Osten und Süden des Stadions. Dass dabei nicht immer alle einer Meinung waren, liegt in der Natur der Sache. Dennoch wurde mal kontrovers diskutiert, mal einfach nett erzählt oder über Borussia und den Fußball an sich philosophiert. Ziel einer solchen Aktion kann es natürlich nicht sein, den Leuten eine Meinung aufzuschwatzen. Es sollte aber darum gehen, die Aktion, die Hintergründe und die Ideen zu verbreiten und damit zum Nachdenken über die Umstände des Projekts RB anzuregen. Nicht mehr und nicht weniger. Wir würden es als Erfolg verbuchen!

Als die Stände abgebaut und teilweise durch den Gästeblock wieder zurückgebracht wurden, ging es auf die angestammten Plätze in der Nordkurve. Dort hingen nicht die üblichen Zaunfahnen, sondern das aus dem Hinspiel bekannte „Traditionsverein seit 1900“-Banner – aufgeteilt auf Ober- und Unterrang. Dazu sollte die ersten 19:00 Minuten geschwiegen werden. Zusätzlich gab es verschiedene Spruchbänder, die sich mit der Thematik RB auseinandersetzten. Dass nur ein Transparent besondere Bekanntheit erlangte, hat verschiedene Gründe.

Zunächst einmal möchten wir klarstellen, dass auch wir das heiß diskutierte Spruchband ablehnen. Die Ereignisse in Dortmund verurteilen wir vollkommen. Menschen mit Steinen zu bewerfen, ist einfach nicht zu rechtfertigen. Wenn man RB kritisieren möchte, dann ist es sicher der falsche Weg, die Fans – zumal wenn es sich um Familien handelt – zu verletzen. Sinnvolle Kritik an RB sollte das System und die Strukturen in den Blick nehmen und nicht einzelne Menschen in den Fokus rücken.

Dennoch war es nur ein – wenn auch geschmackloses – Spruchband unter vielen. Es gab eben solche Spruchbänder, die sich differenzierter mit dem Thema auseinandersetzten, es mit Humor behandelten oder eben die glorreiche Geschichte unserer Borussia gegenüberstellten. Dass über all diese positiven Beispiele nun nur am Rande berichtet wird, ist schade. Und die für das Spruchband verantwortlichen Personen müssen sich dem Vorwurf stellen, dass sie damit hätten rechnen können. Wenn sie das nun eingetretene Szenario nicht auf dem Schirm gehabt haben sollen, dann war es schlicht blauäugig. Wir gehen jedoch vielmehr davon aus, dass es sich um eine gezielte Provokation handeln sollte – auch wenn wir persönlich glauben, dass man sie sich im Sinne der gemeinsamen Aktion hätte verkneifen können.

Aber noch einmal: es war eben nur ein (!) Spruchband unter vielen, die wiederum Teil eines gesamten Aktionsspieltages mit den erwähnten Infoständen, den 19:00 Minuten Stille und den Geschichten rund um Borussia in Form der Raute war. Am Ende des Tages machte dieses eine Spruchband nur einen kleinen Anteil dessen aus, was an diesem Spieltag gezeigt und erarbeitet wurde. Dass die Öffentlichkeit, die Verbände und viele Medien sich jetzt ausschließlich auf dieses eine Spruchband stürzen und alle anderen kritischen Aspekte kaum würdigen und diskutieren, ist kein gutes Zeichen. Das Klima zwischen aktiven Fans/Ultras und vielen Journalisten ist vergiftet. Dazu haben beide Seiten ihren Teil beigetragen. Und eine solch einseitig negative Berichterstattung ist nicht eben geeignet, das Vertrauen wiederherzustellen. Beide Seiten sollten bereit sein, miteinander zu reden. Fans und Journalisten!

Noch zerrütteter ist wohl nur das Verhältnis zu den Verbänden. Wobei wir in diesem Spannungsfeld eher die Verbände in der Bringschuld sehen. Sie sind es schließlich, die kaum Dialog zu aktiven Fans suchen. Sie sind es, die Fanszenen immerzu kollektiv bestrafen. Sie sind es, die durch immer mehr Anstoßzeiten auch unter der Woche die Kultur der Auswärtsfahrten bedrohen. Diese fortschreitende Entfremdung zwischen Fans und Verbänden muss aufhören. Dazu müssen die gemäßigten Kräfte innerhalb der Fanszenen, die für einen Dialog eintreten, gestärkt werden. Sollte unsere Fanszene jetzt wegen dieses einen Spruchbandes kollektiv bestraft werden, stärkt das nur wieder die Fans, die in den Verbänden ohnehin keinen verlässlichen Partner mehr sehen.

Und so sollten wir alle mal durchatmen. Das heiß diskutierte Spruchband war Mist. Dennoch war es eben nur ein kleiner Teil des gesamten Spieltages, der ansonsten absolut friedlich verlief. Wir Fans sollten aus so einem Spruchband lernen, die Journalisten in ihren Berichten nicht ausschließlich die negativen Seiten beleuchten und die Verbände sich der Kritik der Spruchbänder stellen. Damit wäre dem Fußball geholfen.

 

Foto zu diesem Beitrag: Nordkurvenfotos.de

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