Borussia ist so viel mehr!

Die Fohlenelf spielt zum ersten Mal in Leipzig vor, beim umstrittenen Aufsteiger Red Bull. In unserem Vorspiel erinnert sich ein MitGedacht.-Autor an seine Anfangszeit als Fan. Und meint: Was Borussia ist, wird Leipzig nie werden!

Ich kann mich noch ganz genau an meinen ersten Stadionbesuch erinnern. 12. April 1997. Freiburg zu Gast auf dem Bökelberg. Fast 20 Jahre ist das nun her. Damals war ich sechs Jahre alt. Die Faszination, die ich erlebt habe, als ich mit Papa, dem besten Freund und dessen Vater auf der Haupttribüne saß, der Geruch von Rasen, Wurst, Bier, Schweiß, das Gefühl als ich die Spieler, meine Helden, auf den Platz laufen sah – all das werde ich nie vergessen!

Aus dem kleinen Fan von damals, der mit grün-schwarzen Gladbach-Trikot auf der Tribüne saß, ist ein Mann geworden. Mit allen schönen oder weniger schönen Verpflichtungen, die das Leben so mit sich bringt. Nur in einer Sache bin ich Kind geblieben: In der Faszination für Borussia! Seit nun 20 Jahren fahre ich regelmäßig zu Heim-, seit etwas mehr als zehn Jahren zu Auswärtsspielen. Die Älteren werden lachen, aber haben wir nicht alle mal klein angefangen?

Mit acht Jahren bekam ich die erste Beteiligung an einer Familien-Dauerkarte auf dem Bökelberg. Jeden zweiten Samstag ging es mit Onkel oder Vater zum Bökelberg. Mittlerweile habe ich unzählige Fußballspiele gesehen. Viele Siege – vor allem in den letzten Jahren. Davor aber noch mehr Niederlagen – nicht selten 1:2 oder 0:1, nicht selten im Nieselregen auf dem Bökelberg, nicht selten an der Hand von Papa oder einem Onkel. Ich habe Abstiege gesehen, ich habe Aufstiege gesehen. Ich habe gelitten, ich habe gejubelt – und auch mal geweint. Wahnsinn, was Borussia mit mir gemacht hat.

Noch heute wird bei Geburtstagen, an Weihnachten, Ostern oder anderen Familienfesten mindestens zu 50 Prozent über Borussia gesprochen. Die meisten sind Gladbach-Fans, viele haben Dauerkarten. Borussia ist zwar nicht das einzig Wichtige in unserem Leben, nimmt für viele aber einen großen Teil unseres Lebens ein. Und dagegen wehrt sich niemand – im Gegenteil!

Mein Vater erzählt immer noch gerne vom 12:0 gegen Borussia Dortmund in Düsseldorf. Und immer noch hören wir ihm gebannt zu. Wie auch seinen Geschichten über emotionale Europapokal-Abende in den 70ern. Meine Onkel plaudern dagegen lieber von einigen durchzechten Nächten rund ums Pokalfinale 1995 in Berlin. Mittlerweile können aber auch mein Bruder und ich unsere Geschichten beisteuern: DFB-Pokal-Skandal-Halbfinale in Aachen, Zweitliga-Auswärtsspiele in Koblenz, Relegations-Wahnsinn in Bochum, Strand-Partys auf Zypern, 10.000 Fans in Rom. Mittlerweile hören die alten Herren uns gebannt zu.

Wer die Vielzahl der Geschichten liest, merkt: Borussia ist so unendlich viel! Und darauf kann jeder einzelne Fan stolz sein, egal ob er 1970 schon dabei war oder durch Vater, Großvater oder Onkel erst in den 2000ern dazu gestoßen ist. Dieser Verein hat eine unfassbare Historie – mit schier endlos vielen emotionalen Kapiteln. Und das unterscheidet ihn von vielen anderen Klubs in Deutschland. Zum Beispiel Red Bull Leipzig.

Am 12. April 1997, dem Tag meines ersten Spiels im Stadion, gab es diesen Verein noch nicht. Vermutlich war er noch nicht einmal ein Traum von Didi Mateschitz, dem mächtigen Red-Bull-Boss. Denn der hat mit Fußball ja eigentlich gar nichts am Hut. Ganz im Gegenteil: Erst Jahre später fand Mateschitz Spaß an Investitionen im Profi-Sport wie im Fußball. Der Grund? Werbung, Marketing. Sicher legitime Aspekte, die im modernen Fußball Normalität geworden sind. Die dort aus meiner Sicht aber nichts zu suchen haben.

Und genau deshalb langweilen mich Red Bull Leipzig und seine Fans! Die Anhänger laufen einem Kunstprodukt her, das auf Erfolg ausgelegt ist. Sie kennen nicht den Volkssport Fußball, der mich damals als Kleinkind so fasziniert hat. Sie kennen nur den modernen Fußball, den mit Werbung, mit Marketing, mit Maximal-Erfolgen und Millionen-Umsätzen. Sie können nicht von bitteren 1:2-Nieselregen-Niederlagen und Existenz-Ängsten ihres Vereins berichten. Ebenso wenig von Büchsenwürfen, von bitteren Abstiegen, von emotionalen 10.000-Mann-Auftritten in Rom erzählen.

Sollte auf ihren Familienfeiern ebenfalls leidenschaftlich über den Lieblingsverein diskutiert werden, dann wahrscheinlich nur weil mal ein Aufstieg verpasst wurde oder Dietrich Mateschitz “nur” 30 Millionen Euro in den Verein pulvert. Das alles tun sie aber im stetigen Bewusstsein, dass der Weg schlussendlich nur in eine Richtung führt: nach oben!

Daher ist das Leipziger Fansein nicht mein Fansein. Und genau deshalb spielen sie im Fußball-Kosmos für mich auch keine Rolle. Ich halte mich nicht länger an ihnen auf und versuche sie einfach nicht zu beachten. Das fällt mir schwer, es ist aus meiner Sicht aber die einzige Möglichkeit, diesen Wahnsinn irgendwie zu stoppen. Egal ob Boykott oder Protest: Es wird keinem aktiven Fan gelingen, Red Bull aus der Bundesliga zu vertreiben. Das muss jedem Heim- oder Auswärtsfahrer klar sein! Die Spirale des modernen Fußballs dreht sich immer weiter, im übrigen mischt da auch Borussia fleißig mit.

Wir sollten uns daher alle eher auf unsere Stärken besinnen: Und hallo? Die sind ohnehin viel geiler! 116 Jahre Vereins-Historie, fünf Meisterschaften, drei DFB-Pokalsiege, zwei Europapokalsiege. Zahlreiche große Schlachten, zahlreiche Fan-Momente, die man nie vergessen wird! Büchsenwurf, Relegations-Wahnsinn, Europapokal-Touren, Vereins-Aufstände, die wir Fans aktiv begleitet haben. Borussias Historie ist lebendig. Die von RB? Kalt und leer – auch wenn sich einige Unverbesserliche tatsächlich auf das Tor eines Keepers oder ein Relegationsspiel berufen.

Borussia ist so viel und so besonders. Ein Verein mit Herz und Seele. Dagegen wird Leipzig trotz Millionen und sportlichem Erfolg für immer nur eines bleiben: Ein langweiliger Fußball-Nichtsnutz. Und das ist doch bei allem Ärger eigentlich eine schöne Erkenntnis!

Foto zu diesem Beitrag: nordkurvenfotos.de

6 Gedanken zu „Borussia ist so viel mehr!

  • 21. September 2016 um 11:03
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    1900% Zustimmung !!!
    Sehe mich so’n bisschen als Onkel des Verfasssers
    😉 ..
    Schwarz-Weiße Grüße
    Caki

    Antwort
  • 21. September 2016 um 11:04
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    Nicht erst in zwanzig Jahren werden Leipziger Fans womöglich ähnliche Geschichten erzählen.

    Jedoch standen sie bereits in der 5. & 4. Liga im Nieselregen. Nein, nicht auf dem Bökelberg – sondern auf Nebenplätzen norddeutscher Sportanlagen und Kleinststadien von DDR-Provinzklubs. Nein, sie haben nicht von klein auf mit 30000 Fans ihre Mannschaft nach vorn geschrien – sondern Auswärtsspiele mit weniger als 1000 Zuschauern verfolgt. Nein, unsere Mannschaft hatte keine Helden, keine Weltmeister im Paniniheft, sondern zusammengewürfelte, mittelklassige No-names. Nein, junge Leipziger Fans konnten nicht ihr rot-weißes Trikot tragen – Das wurde ihnen auf dem Weg zum Zentralstadion von “Blau-Gelben” mit hasserfüllten Blick abgenommen. Nein, es waren keine Erzählungen unserer Eltern und Großeltern, keine Titelstories und keine langjährige Tradition was uns zu Rasenballsport brachte. Es war der Traum, dass irgendwann eine Mannschaft unsere Stadt so vertritt wie Leipzig es verdient hat.

    Die Geschichten, die wir erlebten wurden nicht in Rom, München und Madrid mit 10000 Gästefans geschrieben. Sie stammen aus Meuselwitz, Meppen und Lotte mit dem Geruch von Rasen, Wurst, Bier und Schweiß…

    Antwort
  • 21. September 2016 um 11:49
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    Hallo, sehr schön geschrieben. Ich bin stolz auf Euch und freue mich auf die nächste Familienfeier.
    LG einer der Onkel

    Antwort
  • 21. September 2016 um 13:23
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    Ich stimme dir bei allem zu was die Borussia angeht.
    Auch das Leipzig all das nicht kennt. Aber das ist, wie alles im Fussball, nur eine Momentaufnahme. In 30 Jahren kräht da kein Hahn mehr danach und dann haben die auch eine 30-jährige Historie mit Höhen und Tiefen. Es mag sein das die Leipzig Fans keine Abstiegsängste kennenlernen, aber das tun die Bayernfans auch nicht und sind wir mal ehrlich, ich will das auch nicht mehr unbedingt haben.
    Und man sollte nicht den Irrweg gehen und glauben das nur weil RB Leipzig ein Kunstprodukt ist man keine Liebe und Leidenschaft dafür entwickeln kann. Wäre das so kämen die Autohersteller dieser Welt aus dem Heulen nicht mehr raus.
    Und das die Fans von Leipzig eine andere Lebensweise als Fan haben als wir Gladbachfans ist auch klar. Das liegt schon allein daran das jeder andere Erfahrungen und Vorlieben hat. Und mal ehrlich, es wäre doch nichts langweiliger als wenn alle dieselbe Sichtweise hätten.
    Ich sehe zwar RB Leipzig auch mit gemischten Gefühlen, aber nicht deren Fans. Kann sein das es daran liegt nur ca. 70km von L entfernt zu leben anstatt 500km, aber die sind auch ganz normale Menschen wie du und ich. 🙂

    Antwort
  • 21. September 2016 um 15:11
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    Gut geschrieben. Ein paar Anmerkungen:

    Wie kommst Du darauf, dass RB-Fans nichts mit dem Volkssport Fußball zu tun haben? In Leipzig waren viele Leute Fußballfans, selbst Fußballer, die aber keinen Verein für sich in der Stadt hatten/gefunden haben. Zu den “Altvereinen” gibt es keine Kontinuität, sie sind untergegangen, es gibt einige Neugründungen, zu denen man aus unterschiedlichen Gründen keine Bindung aufbaut. Für mich als Nicht-Leipziger ist die Situation anders. Ich habe jahrelang Fußball gespielt, war jahrelang Trainer, ich besuche einen der wenigen Traditionsvereine in Luxemburg, der nie fusioniert oder seine Identität gewechselt hat. Trotzdem begeistere ich mich seit Jahren für RB Leipzig.

    Narrative haben auch RB-Fans. In Erfolg wie Misserfolg. Man hat sich nicht abschrecken lassen, zwei Mal den Aufstieg in die dritte Liga verpasst zu haben, der Zuspruch wuchs in dieser Zeit trotzdem massiv an. Weil sich eine Identität und Bindung zu dem Verein bei vielen von uns entwickelte. Wir waren dabei beim Relegationskrimi in Lotte, wir waren in Schnee und Eis in Aalen, wo wir Werbedauerbeschallung in eisiger Kälte ohne Tribünendach erlebt haben, während deren Ultras in der warmen Stube gesessen sind. Wir haben ein Coltorti-Torwarttor in der Nachspielzeit gegen Darmstadt gesehen, wir haben genauso das Team nach einem 0:4 gegen Sandhausen aufgerichtet. Auf Familienfeiern in meiner Familie wird genauso leidenschaftlich über RB diskutiert wie in Deiner Familie. Leidenschaft und Faninteresse hat nichts mit der Art zu tun, wie ein Verein gegründet wurde, sondern wie sich die Leute damit identifizieren. Und das tun sie.

    Antwort
  • 24. September 2016 um 14:05
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    “Borussia ist so viel und so besonders. Ein Verein mit Herz und Seele. Dagegen wird Leipzig trotz Millionen und sportlichem Erfolg für immer nur eines bleiben: Ein langweiliger Fußball-Nichtsnutz. Und das ist doch bei allem Ärger eigentlich eine schöne Erkenntnis!”

    Mein erstes und einziges Mal in Gladbach war 98/99 gegen Nürnberg. Erlebt habe ich Borussen, die ihrer Mannschaft die Unterstützung von den Rängen versagten, einen kleinen Borussen, der die ganze Zeit “erbäääärmlich” rief (der war zugegeben kultig, dieser Bengel), und etwas ungepflegt wirkende Biertrinker, die über schönere Zeiten sinierten. Insgesamt war dieser Besuch enttäuschend, weil so schrecklich normal. Der Mythos Bökelberg erschloss sich mir nicht, und ein weiterer Besuch kam nicht in Frage.

    Mir ist klar, dass sich Fans immer mal wieder ihre eigene Fanseele streicheln müssen, man sollte aber über subjektives Empfinden (wie der Artikel des Verfassers und auch mein Kommentar) nicht zu Aussagen kommen, bei denen man eine Allgemeingültigkeit suggeriert.
    Für mich ist Borussia ein austauschbarer westdeutscher Verein, bei dem für mich die im Artikel gepriesene Besonderheit bloße Behauptung bleibt. Ich bin ja aber auch kein Fan vom Vfl.

    Antwort

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