Borussia und der E-Sport.

Seit Wochen wird rund um Borussia intensiv über das Thema „E-Sport“ diskutiert. Die Meinungen gehen dabei extrem auseinander: Die einen finden es normal, die anderen verteufeln es. So auch bei uns in der Redaktion. Ein Pro und Contra!

CONTRA

Dieser Standpunkt beginnt mit einer Fiktion: Wir befinden uns im Januar 2030. Es ist der verschneite Freitag vor einer Bundesligapartie unserer geliebten Borussia. Es geht zum alten West-Schlager: Borussia muss zum FC Schalke 04. Die Fohlenelf spielt zu Beginn des Jahres 2030 eine gute Saison, sie macht Spaß. Im Fokus der Öffentlichkeit spielt das aber kaum eine Rolle. Im Mittelpunkt steht nämlich immer noch Borussias Partie gegen den FC Schalke von vor einer Woche. Und nein, dabei ging es um kein Pokalspiel. Vor Hunderttausenden Zuschauern lieferten sich die Borussen in der Köln-Arena ein packendes Duell mit Schalke, dem Tabellenführer der virtuellen E-Bundesliga. Ein echtes Spitzenspiel! 

Fiktion oder schneller als gedacht Realität? Die Meinungen über E-Sports gehen auseinander – so auch im Bezug auf das Engagement unserer Borussia. Teile der Ultraszene positionierten sich bereits vor Weihnachten in Dortmund per Spruchband klar zu diesem Thema: „Ab 2019 VFES statt VFL – E-Sports stoppen“. Auch darüber hinaus war die Thematik allerdings präsent: ob bei diversen Diskussionsrunden an Kneipentischen oder auch in den Kommentarspalten der entsprechenden Beiträge unserer Borussia in den sozialen Medien.

Dass Borussia in den E-Sports investiert und dort mitmischt, ist leider nicht mehr aufzuhalten. Unser Klub wird eine Mannschaft in der neuen virtuellen Bundesliga stellen. Ich bin ganz ehrlich: Davon halte ich gar nichts! Vor allem hätte ich es wunderbar gefunden, wenn der Klub uns Fans bei dieser Entscheidung mit ins Boot geholt hätte. Denn auch wenn jeder Borusse seine eigene Meinung haben darf und soll: Aus meiner Sicht ist das kein Thema, das uns Fans einfach egal sein sollte. Borussia ist und bleibt – da gebe ich den Äußerungen unserer Ultraszene Recht – ein „Verein für Leibesübungen“: Handball, Tischtennis und Co. fallen für mich übrigens in diese Kategorie. E-Sport nicht. Und aus meiner Sicht darf er auch niemals einen größeren – geschweige den denn größten – Part in und um den Verein einnehmen. 

Ob das die Vereinsführung auch so sieht? Offenbar aktuell noch! Ich kann mir zwar weiterhin nicht vorstellen, dass sich die immer wieder klassische Werte predigenden Herren Schippers und Eberl ernsthaft FÜR diesen Schritt entschieden haben. Offenbar wurden sie aber von ein paar getriebenen Marketing-Heuschrecken überzeugt. In Treffen und Gesprächen zwischen Vereinsvertretern und Teilen der Fanszene wurde der Schritt zuletzt endlich einmal tiefergehend erklärt – wie wir hören nachvollziehbar und verständlich. 

Borussia, so die Begründung, wolle mit dem Einstieg in den E-Sport die Bekanntheit der eigenen Marke stärken. Man wolle auf diesem Einnahmefeld mitmischen, Gelder generieren und – so der tiefe Wunsch– auch neue Fans gewinnen. Ich hätte mich gefreut, würde Borussia so einem neumodischen Trend nicht direkt blind hinterherlaufen. Mal ehrlich: So viel Geld wie in Asien wird der deutsche E-Sports-Markt wohl nie hergeben. Und die Hoffnung auf neue Fans halte ich ehrlicherweise für reichlich romantisch und offen geschrieben auch absolut schwachsinnig. 

Wieso sollten Kids, die Borussia online verfolgen, plötzlich von diesem Hobby abkommen und den Weg ins Stadion finden? Die heimische Konsole ist doch eine ganz andere Welt, die kaum mit der des Stadions zu vergleichen ist. Das schreibe ich übrigens nicht nur als absolute Marketing-Voll-Laie, sondern eben auch als passionierter Konsolen-Spieler. Ich lasse mich zwar gerne eines Besseren belehren, glaube aber nicht dran.

Wichtig ist mir allerdings dieser Punkt: Der „Verein für Leibesübungen Borussia Mönchengladbach“ hat meine Zuneigung vor ziemlich genau zwei Jahrzehnten durch echten Sport gewonnen. Für mich zählt das Stadion: der Geruch von Rasen, Bier, Wurst und Schweiß. Der rollende Ball. Geschichten von Günter Netzer, Hennes Weisweiler und Co. Meisterschaften, Pokalsiege, Abstiege. Dramatische Niedergänge wie die Beinahe-Pleite unseres Vereins in den späten 1990ern. Oder auch moderne Märchen wie das von Lucien Favre und seinen Fast-Absteigern, die kurze Zeit später in der Champions League Vereinsgeschichte schrieben! Borussia bedeutet für mich „Fußball in seiner Reinform“. Und der findet aus meiner Sicht im Stadion statt. Er ist Leidenschaft für unzählige Menschen und Familien-Generationen, die diese Dramen und Erfolge gemeinsam erlebt haben. Im Zeichen der Raute!

All das finde ich beim E-Sport nicht. Weswegen ich hoffe, dass sich die Sache schon bald von selbst erledigt und wieder das wirklich Wichtige im Vordergrund steht. Und da steht im Hier und Heute tatsächlich ein extrem kompliziertes Auswärtsspiel beim FC Schalke 04 auf dem Programm. Der alte Westschlager, der seit Jahrzehnten Zehntausende Fans elektrisiert und in seinen Bann zieht. Achja: Borussia spielt bekanntlich übrigens eine echt gute Saison. Sie macht Spaß, der Stadionbesuch ist längst nicht mehr so deprimierend wie noch in den 90er Jahren. Und das ist doch, was rund um den Fußball wirklich zählt – nicht dieser nervige E-Sports-Schmarrn. 


PRO

Borussia Mönchengladbach heißt unser Verein im allgemeinen Sprachgebrauch. Im Vereinsnamen findet sich der Zusatz „VfL“ – Verein für Leibesübungen. Da setzen die Kritikerinnen und Kritiker der neuen E-Sports-Abteilung also an. E-Sports sei vieles. Aber ganz sicher keine „Leibesübung“. So weit, so strittig. 

Als Borussia gegründet wurde, hat wohl tatsächlich niemand an E-Sports gedacht. Das dürfte aber vor allem daran gelegen haben, dass im August 1900 die digitale Infrastruktur am Niederrhein und in ganz Deutschland noch bescheidener war als im Januar 2019. Ebenso wenig dürfte damals jemand an Frauen-, Mädchen- oder Jugendteams gedacht haben. Gibt es heute glücklicherweise trotzdem. Und dass der Begriff Leibesübungen keinesfalls Spiele an der Konsole mitmeinen kann, ist ebenfalls nicht so eindeutig.

“Leibesübungen” ist nicht mehr und nicht weniger als ein etwas in die Jahre gekommener Begriff für Sport. Darüber, was der Begriff „Sport“ meint, gibt es unterschiedliche Definitionen. Die gehen von „körperlicher Ertüchtigung“ bis zur „Betätigung zum Vergnügen“. Der Deutsche Olympische Sportbund arbeitet mit folgender Definition: 

„Seit Beginn des 20. Jahrhunderts hat sich Sport zu einem umgangssprachlichen, weltweit gebrauchten Begriff entwickelt. Eine präzise oder gar eindeutige begriffliche Abgrenzung lässt sich […] nicht vornehmen. Was […] unter Sport verstanden wird, ist weniger eine Frage wissenschaftlicher Dimensionsanalysen, sondern wird weit mehr vom alltagstheoretischen Gebrauch sowie von den historisch gewachsenen und tradierten Einbindungen in soziale, ökonomische, politische und rechtliche Gegebenheiten bestimmt. Darüber hinaus verändert, erweitert und differenziert das faktische Geschehen des Sporttreibens selbst das Begriffverständnis von Sport.”

Politisch wird seit spätestens Anfang 2018 in Deutschland diskutiert, E-Sports als Sport anzuerkennen. In vielen anderen Ländern ist das bereits geschehen. Es ist nicht besonders mutig, vorauszusagen, dass Deutschland folgen wird. Eine rationale Erklärung, wieso Schach oder Darts Sportarten sind, während E-Sports nicht als solche zählt, gibt es schlicht nicht. Es gibt zahlreiche Studien, die belegen, dass Spiele an der Konsole oder am Computer insbesondere bei jungen Menschen einen positiven Einfluss auf die Hand-Augen-Koordination haben. Wer das Zocken auf der heimischen Konsole mit dem vergleicht, was auf professioneller Ebene passiert, der vergleicht eben Äpfel mit Birnen. 

Borussias Ziel ist es, durch das E-Sports-Engagement, „neue Gruppen anzusprechen“. Einige Teile unserer Fanszene glauben daran nicht. Tatsächlich ist es wohl eher ein Irrglaube, dass junge Menschen wegen des neuen E-Sports-Teams in Zukunft zahlreicher ins Stadion gehen oder sogar Teil der aktiven Fanszene werden. Da haben die Skeptiker recht.

Das ist es aber vielleicht auch nicht, was Borussia meint. Vielmehr ist der Marketing-Abteilung des Vereins daran gelegen, die „Marke Borussia“ möglichst breit aufzustellen. E-Sports ist – das müssen wir anerkennen – zu einer Jugendkultur geworden. Wer heute in Schulklassen voller 14 Jahre alter Mönchengladbacher Kids geht, der wird feststellen, dass dort der größte Teil der an Fußball interessierten Kids eher Trikots von Paris, Barcelona oder Real trägt. Und wer glaubt, die Jugend erreichen zu können, ohne möglichst viele digitale Kanäle zu nutzen, der lebt an der Realität vorbei. 

Insofern ist es Aufgabe der Marketingabteilung den Verein für die Zukunft breit aufzustellen. Das bedeutet nicht, jeden Schritt des Vereins gutzuheißen. Aber lieber in E-Sports investieren als erneut ein Trainingslager in Dubai abzuhalten und damit eine autoritäre Regierung zu stützen, die beispielsweise Homosexualität unter Strafe stellt. Fans können natürlich beides ablehnen und jeden Schritt, den der Verein in kommerzieller Sicht macht, kritisieren. Dann müssen wir aber auch ehrlich sein und uns eingestehen, dass dann ein neunter Platz wie in der letzten Saison ein Ausreißer bleiben wird – einer nach oben allerdings.

Die Fanszene täte also gut daran, den Schritt des Vereins im Gesamtkontext zu sehen. Immerhin sind wir beispielsweise einer der wenigen Vereine, deren Stadionname noch nicht verkauft ist. Borussia schont dort die Interessen der Fans, wo es möglich ist. Wir sollten sie daher in einem Bereich, der den Fußball nicht betrifft, ihr Ding machen lassen. 

Was in der E-Sports-Abteilung passiert, muss niemanden interessieren – kann es aber natürlich. Die Handball- und Tischtennisabteilung interessieren die meisten von uns auch nicht. Dass E-Sports eben nicht im e.V., sondern in der GmbH, angesiedelt ist, hat einen einfachen Grund: Borussia glaubt, das Ganze vermarkten zu können. Aus Fan-Sicht möchten wir es zwar lieber ausblenden, aber Vereine sind nun mal Unternehmen. Das bedeutet, dass sie soziale Verantwortung haben, an die wir Fans sie immer wieder erinnern sollten. Das bedeutet aber auch, dass sie Entwicklungen im Blick haben und die Marke auch über das Stadion heraus aufbauen müssen. Aktive Fans begleiten das Ganze kritisch und fanatisch. Das Leben als Fan ist voller komplizierter Widersprüche. Wer als Fan Teil des modernen Fußballs ist, der muss so machen Widerspruch aushalten. Eine E-Sports-Abteilung ist in meinen Augen allerdings kein Widerspruch.

Für uns Fans zählt das Stadionerlebnis. Daran ändert eine weitere Abteilung absolut nichts.

Für immer VfL! Auch mit E-Sports.

4 Gedanken zu „Borussia und der E-Sport.

  • 1. Februar 2019 um 8:35
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    Ich sehe E-Sport ähnlich wie eine Gymnastik Abteilung. Sollte man haben, muss man aber nicht. Der Verein stellt sich breiter auf, um auch diesen ,für mich, uninteressanten Bereich abzudecken und solange diese Bereiche nicht das Hauptgebiet beeinflussen, was soll es?
    Wenn allerdings Beeinträchtigungen auftreten, muss so ein Bereich umgehend ausgelagert werden.

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  • 2. Februar 2019 um 11:06
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    Leider gibt es den überall zu erkennenden Trend hin zu einem Lebensstil, der mehr und mehr auf Mobilität und Bewegung verzichtet.
    Eingekauft wird nicht mehr in den Geschäften der Innenstädte, sondern bei Amazone.
    Es wird nicht mehr Essen gegangen, sondern von Liferando gebracht (Ausnahme: Man fährt zum McDrive Schalter um sein McMenü ohne auszusteigen durch das Seitenfenster in Empfang zu nehmen).
    Es werden keine Briefe mehr geschrieben (und im Briefkasten um die Ecke eingeworfen), sondern man Simst, whatsappt, twittert oder sonstwast.
    Man spielt nicht mehr mit den Kindern auf dem Spielplatz, sondern an der Playstation bzw. dem Smartphone.
    Warum sollte das beim Fußball anders sein?
    Schon lange gehen viele nicht mehr ins Stadion, sondern schaut “alle Spiele – alle Tore” auf dem Sofa zu Hause (…incl. diverser Kommentare wie: “Warum läuft die faule Sau von Abwehrspieler nicht mit dem Gegenspieler mit?” oder “Wenn der unfähige Stürmer nur etwas mehr Kondition hätte, dann hätte er denn Steilpass noch erreicht” u.s.w.).
    Wer meint, dass sich der E-Sports Trent – so überflüssig ich persönlich ihn auch halte – nicht durchsetzen wird, der hätte wahrscheinlich bei der Erfindung des Automobils, des Telefons oder des Fernsehens auch geglaubt, dass diese Dinge schnell wieder aus dem Altag verschwinden werden.

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  • 2. Februar 2019 um 15:31
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    “E-Sports” ist kein Sport! Mehr muss man dazu nicht sagen.
    Für die, die jetzt mit Schach oder ähnlichem argumentieren wollen – bitte!
    Für mich ist das Zocken am Bildschirm, und sei es noch so “professionell”, kein Sport. Weg damit!

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  • 6. Februar 2019 um 15:43
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    Grundsätzlich habe ich nix gegen e-
    Sport, aber das Contra von der Redaktion und auch der Beitrag von Scott sprechen mir aus der Seele.

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