Corona-Serie – Teil 1: Ein Blick auf das Fußballgeschäft

Das Corona-Virus und seine gesellschaftlichen sowie politischen Folgen stellen unseren Lieblingssport auf eine große Belastungsprobe. In unserer neuen, vierteiligen Serie wollen wir etwas genauer auf die Situation rund um den Fußball, unsere Borussia und uns Fans schauen. Dabei blickt je ein Redaktionsmitglied ganz persönlich und mit seiner eigenen Meinung auf die aktuelle Lage. Heute geht es im ersten Teil um den Fußball allgemein!

Eigentlich – das dachte ich jedenfalls – kann mich im Fußball-Geschäft nicht mehr viel schocken. Milliarden-Umsätze, 100-Millionen-Transfers, absurde Spielergehälter, korrupte Funktionäre. Das alles war und ist der Wahnsinn und hat ohnehin kaum mehr etwas mit dem Profisport zu tun, in den ich mich in den 1990ern auf dem Bökelberg verliebt habe. Doch leider muss ich heute – in der wohl größten gesellschaftlichen Herausforderung, die ich miterlebe – zugeben: Wie sich das „Fußball-Business“ in dieser gesellschaftlich diffizilen Corona-Pandemie präsentiert, ist schon beängstigend. Und lässt mich ehrlich gesagt daran zweifeln, dass sich nach dieser „Krise“ auch nur ansatzweise irgendetwas ändert.

Kurz vorweg – und um einem Hauptargument gleich den Wind aus den Segeln zu nehmen: Ich arbeite als freiberuflicher TV-Sportreporter, bin also wirtschaftlich vom Zustandekommen von Fußballspielen und deren Übertragungen abhängig. Für mich ist die aktuelle Situation – wie für viele Tausende anderer (Sub-)Unternehmer (vom Kameramann bis zum Würstchenverkäufer) –  der „Worst case“. Warum? Weil wir schlicht kein Geld verdienen und es wohlmöglich in den nächsten Wochen auch nicht tun werden. Das ist super bitter, gehört aber wohl leider zum unternehmerischen Risiko und zu einer Branche, die sich ausschließlich Festangestellte aus diversen Gründen nicht leisten will und kann. 

Eine scheinheilige Argumentation

Doch ich möchte hier gar nicht auf Einzelschicksale eingehen, sondern das große Ganze beurteilen. Und da scheinen wir, also die angeblich bis zu 56.000 Menschen, die direkt oder indirekt finanziell von Fußballspielen abhängig sind, eines der Hauptargumente der DFL zu sein, den Spielbetrieb schnellstmöglich wieder aufzunehmen. Liga-Boss Christian Seifert erwähnt diese 56.000 Menschen immer wieder, auch viele Klub-Chefs führen den Punkt in fast allen Interviews an. Dabei ist diese Argumentation so stichhaltig wie sich aktuell der gesamte Fußball präsentiert: einfach scheinheilig und keinesfalls durchdacht.

Denn sind wir doch mal ehrlich: Selbst wenn Spiele wieder stattfinden, was nur unter Ausschluss der Öffentlichkeit der Fall sein kann, wird nur ein Bruchteil dieser 56.000 Personen davon profitieren. Klar, ein Großteil der direkten Vereinsangestellten wird vermutlich sicher sein, doch damit hat es sich dann auch schon. Denn die Szenarien der DFL sehen vor, gerade einmal etwas über 100 Leute im Stadion zuzulassen. Der Großteil der Würstchen- oder Bierverkäufer, TV-Leute, Journalisten, Fotografen oder Ordner müssen draußen bleiben. Natürlich kann davon vielleicht ein Teil auch von Zuhause oder aus der jeweiligen Redaktion arbeiten. Diesen Teil sollten wir nummerisch aber keinesfalls überschätzen. Warum die DFL trotzdem immer wieder auf die 56.000 Menschen hinweist? Es ist nur eine Vermutung, aber mit persönlichen Schicksalen kommt man immer durch und der Zweck heiligt eben die Mittel.

Der Fußball hat nicht verstanden, worum es geht

Dieser Punkt zeigt einmal mehr, dass der Fußball ganz und gar nicht verstanden hat, worum es in dieser Situation in erster Linie geht: Solidarität! Während ein ganzer Kontinent oder sogar die ganze Welt versucht, eine Pandemie zu besiegen, denken die Vereine und Verbände in erster Linie an sich. Es geht um Kohle, um Kohle und noch einmal um Kohle. Gerne wird in diesem Zuge übrigens vorschnell auf die bevorstehende Insolvenz von diversen Vereinen hingewiesen. Angeblich sollen 13 Zweitligisten Probleme haben, vier Erstligisten droht bei einem Saisonabbruch ebenfalls der finanzielle K.O.!

Dabei unterschlagen die Klub- und Verbands-Bosse allerdings, dass dies in keinster Weise ein fußballtypisches Problem ist. Außerhalb unseres geliebten Sports bangen deutlich mehr Unternehmen um ihr Überleben. Dabei geht es um Exiszenzen, um Familien, ums Überleben. Der Unterschied zum Fußball-Business ist allerdings gewaltig: Denn fahren diese Unternehmen deshalb eine eigene, egoistische Linie? Versuchen sie, deswegen auf Teufel komm raus den eigenen Willen durchzuboxen? Die Antwort fällt gleichermaßen einfach wie entlarvend aus: Nein!

Soziales Engagement ändert nichts am Gesamtbild des Fußballs

Natürlich tun eine Menge Fußballer in dieser Zeit Gutes. Sie helfen ihren Vereinen durch einen Gehaltsverzicht oder unterstützen Kliniken, soziale Projekte und hilfsbedürftige Menschen. Das alles konterkariert aber nicht das Gesamtbild, das der Volkssport Nummer eins im Allgemeinen abgibt. Warum wird ein Teil der gespendeten Gehälter nicht solidarisch dafür eingesetzt, die angeblich gefährdeten Vereine zu retten? Wieso verzichtet man nicht einfach auf die fehlenden TV-Gelder und speckt das ganze Business wieder etwas ab? Ein bisschen gesünder, ein bisschen realitätsnäher, ein bisschen ehrlicher. Die Antwort kann nur lauten: Weil es niemand will! Das Rad muss, das Rad soll sich weiterdrehen.

Nein, auch wenn ich beruflich persönlich von der “Krise” betroffen bin: Das alles hat mit dem eingangs erwähnten Profisport, in den ich mich in den 1990ern auf dem Bökelberg verliebt habe, nichts mehr zu tun. Und natürlich bin ich mir selbst bewusst, dass darin auch eine Menge Romantik steckt. Um ehrlich zu sein, hatte ich allerdings die Hoffnung, dass Corona das „Business“ etwas erneuert, dass der Fußball anders aus dieser Phase zurückkommt. Wer daran noch glaubt, darf sich gerne melden. Ich bin noch desillusionierter als zuvor…

Im zweiten Teil unserer „Corona-Serie“ geht es übermorgen um die Situation bei unserer Borussia – vor allem finanziell. Seid gespannt und bleibt uns treu!

Foto zu diesem Beitrag: Joern Pollex / Bongarts / Getty Images

3 Gedanken zu „Corona-Serie – Teil 1: Ein Blick auf das Fußballgeschäft

  • 9. April 2020 um 11:02
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    Guter Artikel!

    In diesen Zeiten auch unbedingt nochmal der Blick rüber nach Katar, wo die Bauarbeiten munter weitergehen und die ohnehin schon unmenschlichen Arbeitsbedingungen ins Unermessliche steigen. Die Arbeiter werden in ihren Quartieren eingesperrt und bekommen keine Lebensmittel.
    Wer nicht eingesperrt wird muss weiter arbeiten.

    Ein sehr unschönes Abbild des Fußballs in heutigen Zeiten.

    Danke und persönlich alles Gute an den Autor.

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  • 9. April 2020 um 12:14
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    Wenn ich die Situation in England sehe, muss ich sagen, dass ich zumindest was die Bundesliga angeht, noch nicht “desillusioniert” bin; gebe aber gerne zu, dass für Fussballromantiker (zu denen ich mich auch zähle) die Zeiten immer schwerer werden.

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  • 9. April 2020 um 18:37
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    Hallo, sehr treffende Beschreibung der aktuellen Situation im Fußball. Zwei Punkte von mir dazu:

    Würden mir die Bundesligavereine, die Pleite gehen, leid tun? Hmm, nicht wirklich. Angeblich soll Schalke dazuzählen. Wenn es so kommt, dann hat man sich das durch übertriebenes Mißmanagement selber zuzuschreiben.

    Wird sich an Ablösesummen und Spielergehältern was ändern? Nein, sicher nicht. Die Verträge (Fernsehen, Sponsoren etc.) sind geschlossen und laufen noch. Fernsehen steht an, aber für die künftigen Spielzeiten. Die Gehälter orientieren sich an der Vertragslaufzeit, etc. Sobald die Spiele wieder unter normalen Bedingungen (also mit Zuschauern im Stadion) laufen, geht es wieder los. Getreu dem Motto, „was interessiert mich mein Geschwätz von gestern“.

    In dem Sinne allen schöne Ostern und den Selbständigen einen hoffentlich langen Atem.

    Andreas

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