Die ärmste Sau im Stall

Max Eberl wirkt dieser Tage niedergeschlagen – selbst im Angesicht des furiosen 4:2-Sieges am Mittwochabend. Nur selten zeigt er sein typisches verschmitztes Lächeln, auch nach dem Spiel gibt sich Eberl nachdenklich. Es wirkt so als setze Borussias oberstem sportlichen Verantwortlichen die Trainerfrage zu. Daran ändert auch die eigene Vertragsverlängerung um drei Jahre bis 2020 nichts. Was der Klub in der Vergangenheit schon einmal mit einer eigens einberufenen Pressekonferenz zelebrierte, wurde am Donnerstag schlicht per Pressemitteilung gelöst. Eberl verlängert – Punkt.

Denn momentan hat der Manager sicherlich andere Sorgen. Die Kündigung von Lucien Favre hat ihn vollkommen unvorbereitet getroffen – und das merkt man ihm an. Trotz dieses Genickschlages muss man Eberl aber vor allem eines zu Gute halten: Der Manager bewahrt Haltung. Er verliert kein schlechtes Wort über Lucien Favre. Respekt, Vertrauen, Dankbarkeit, Demut – all diese Attribute, die auch die viereinhalbjährige Zusammenarbeit von Trainer und Manager geprägt haben, hält Eberl aufrecht. Ein enormes menschliches Zeichen!

Auch Eberl muss sich Fragen gefallen lassen

Dabei hat das Favre-Aus den Manager aus absolut heiterem Himmel maximal unter Druck gesetzt. Mehrfach gab Eberl in den vergangenen Tagen zu: „Einen Plan B gibt es nicht.“ Plötzlich soll Eberl den Trainer finden, der Borussias Weg konsequent weitergeht – und das schon im Herbst, einem Saison-Stadium, in dem laut Eberl „die besten Trainer nicht vom Baum fallen“.

Natürlich darf man auch Eberl Fragen stellen: Etwa die, ob er nach dem erneuten Rücktrittsgesuch Favres im Sommer nicht selber hätte die Reißleine ziehen müssen? Oder ob er gerade wegen dem fast halben Dutzend Versuchen Favres, vorzeitig aus dem Amt zu scheiden, nicht längst einen Plan B in der Hinterhand hätte haben müssen? Doch irgendwie ehrt es Borussias Manager doch auch, dass er das nicht getan hat. Eberl hatte – trotz kleinerer zwischenmenschlicher Differenzen – maximales Vertrauen in Favre. Im Schweizer sah er den perfekten Trainer für „seinen“ Verein. Wo findet man das heute noch in dieser schnelllebigen Fußball-Welt?!

Borussia gibt das Konzept vor

Umso enttäuschter dürfte der Manager nun sein, dass „sein“ Trainer ihn derart enttäuscht hat. Dass Favre das unmissverständliche „Nein“ des Vereins zur Kündigung ignorierte, den Weg über die Presse wählte und Eberl einfach überging. Das erklärt die Niedergeschlagenheit des Managers, der nun eine Herkulesaufgabe vor sich hat: Wer wird der neue Trainer? Wer passt perfekt zu Borussia – und auch zu ihm selbst?

Fakt ist: Eberl sucht keinen Feuerwehrmann. Es ist kein Trainer gefragt, der mit rigidem Zepter die über Jahre aufgebaute Philosophie zerstört und schwerwiegende Schäden hinterlässt. Das Anforderungsprofil ist klar definiert: Borussia braucht einen dieser sogenannten „Konzepttrainer“, wobei das Konzept, das hat Eberl in den vergangenen Tagen stets betont, durch den Verein bereits vorgegeben ist. Das heißt, der neue Mann muss mit jungen Spielern arbeiten und diese entwickeln können. Diese Attribute bedingen, dass er respektiert wird und die nötige Reputation mitbringt. Darüber hinaus sollte der neue Trainer Erfahrung in der ersten Bundesliga – und idealerweise auch im Europapokal – aufweisen.

Drei Szenarien auf Eberls Zettel

Wer dieses Profil mit dem aktuellen Trainer-Markt abgleicht, kann nur zu einem Schluss kommen: Diesen Trainer gibt es in Jürgen Klopp genau einmal. Doch offensichtlich ist dieser nicht dazu bereit, auch die zweite Borussia im deutschen Profifußball zu übernehmen. Aus unserer Sicht ist das auch gut so.

Und so muss Eberl kreativ sein. Einen ersten Schritt hat er mit der Inthronisierung von André Schubert bereits gemacht. Schubert ist – das ist auch vereinsintern noch einmal explizit so formuliert worden – eine klare Interimslösung. Er soll den von Favre verfolgten Weg weitergehen, mit dem bewährten Trainerteam, aber kleinen und entscheidenden Korrekturen. Und er soll Eberl die Zeit verschaffen, in Ruhe nach einem neuen Übungsleiter zu fahnden. Dieser Prozess, das hat der Manager bereits bestätigt, kann dauern – „vielleicht sogar bis zum Winter“.

Im Hintergrund wird seit Dienstag jedenfalls fleißig an einer Lösung gearbeitet. Momentan werden, so heißt es aus Vereinskreisen, drei Szenarien intensiv besprochen und angegangen.

1. Der Wunschkandidat – die 1A-Lösung

Es gibt nur wenige Trainer, die wirklich ins bereits beschriebene Anforderungsprofil der Borussia passen. Dazu gehört ein wohl unerreichbarer Klopp, dazu gehört – wenig überraschend – aber auch Markus Weinzierl. Der Bayer hat sich in den vergangenen Jahren mit seiner Arbeit beim FC Augsburg einen exzellenten Ruf in der Liga verschafft. Eberl äußerte sich in der Vergangenheit schon des Öfteren anerkennend über den Weinzierl. Problem: Erst im Sommer hat sich der Coach nach wochenlangem Flirt mit Schalke 04 klar zu seinem Arbeitgeber bekannt. Eberl müsste schon extrem überzeugende Argumente aufbringen, um den 40 Jahre alten Übungsleiter zur Borussia zu lotsen. Immerhin: Angesprochen auf ein mögliches Gladbach-Interesse wiegelte Weinzierl zuletzt ab und gab kein klares Dementi ab. Möglicherweise kann sich der Oberbayer einen Wechsel im Winter selber vorstellen – wenn das Europa-Abenteuer seines FCA beendet ist und er den Klub in sicheres Fahrwasser geführt hat.

2. Ein gestandener Bundesliga-Trainer – bis Saisonende

Sollte der Wunsch-Kandidat nicht zu bekommen sein, will der Verein bis zum Saisonende einen „gestandenen Bundesligatrainer“ beschäftigen, um die Situation dann neu zu überdenken. Die Kandidatenliste stellt sich von selber auf. Es ist kaum vorstellbar, dass Eberl für eine solch befristete Lösung einen Trainer aus dem laufenden Vertrag herauskauft. Also darf fleißig spekuliert werden: Keller, Korkut, Luhukay, Slomka oder Schaaf – wobei den beiden Letzteren intern nur wenige Chancen eingeräumt werden.

3. Schubert bleibt – bis Saisonende

Und dann gibt es ja auch noch diese Lösung: Es könnte ja sein, dass Interimslösung Schubert derart erfolgreich ist, dass Eberl mit ihm die komplette Saison das Vertrauen schenkt. Folglich hätte der Manager mehr Zeit, an einer „großen“ Lösung zur neuen Saison zu arbeiten. Bedingung für diese Konstellation ist aber: Schubert muss (fast) maximal punkten, auch im Team gut ankommen und natürlich auch Chef Eberl restlos von sich überzeugen. Denn: Eberl zauderte zunächst, Schubert überhaupt zu installieren, überlegte sogar das bisherige Trainer-Gespann (Geideck, Stefes, Kamps) ohne echten Chef ins Rennen zu schicken. Dennoch: Punktet Schubert maximal, wird sich seine Ausgangslage nicht verschlechtern.

Natürlich wäre da auch noch die Kandidaten-Gruppe der „Nobodys“, also Trainer, die einen oder mehrere Punkte des Anforderungsprofils nicht erfüllen aber trotzdem einen überragenden Job machen. Nach allem, was in den vergangenen Tagen aber so durch die Flure der Geschäftsstelle und die Presse-Landschaft geisterte, ist es allerdings eher unwahrscheinlich, dass Übungsleiter wie wie Ralf Hasenhüttl, Horst Steffen, Murat Yakin, Martin Schmidt, Frank Schmidt, Urs Meier oder Hein Vanhaezebrouck tatsächlich am Borussia-Park anheuern. Aber wie heißt es so schön: Im Fußball ist alles möglich.

Die Suche könnte Eberls Meisterstück werden

Fakt ist: Max Eberl ist wahrlich nicht zu beneiden. Am neuen Trainer hängt unfassbar viel – unter Umständen wird auch er selber irgendwann an seiner jetzigen Entscheidung gemessen. Sitzt der nächste Schuss nicht, droht Borussia in alte Muster zurückzufallen. Der neue Mann muss die Vereins-DNA mittragen, die auch beinhaltete, dass viele Spieler gerade wegen des Trainers und seinem Ruf an den Niederrhein kamen.

Nicht nur wegen Eberls momentaner Außenwirkung, auch wegen der Schwere dieser Aufgabe ist klar: Der Manager ist momentan die ärmste Sau im Fohlenstall. Positiv: Der Verein steht eng an Eberls Seite. Mit der Vertragsverlängerung des Sportdirektors sind die Weichen für eine gemeinsame Zukunft gestellt. Nun ist Eberl am Zug. Er wird die Trainer-Frage gewohnt akribisch angehen und lösen. Es könnte Eberls Meisterstück werden. Wenn er zum zweiten Mal ins Schwarze trifft, könnte sich der Manager endgültig unsterblich machen.

Foto zu diesem Beitrag: nordkurvenfotos.de

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