Die Lehren des Düsseldorf-Spiels

Das Heimspiel gegen Düsseldorf stand symbolisch für acht Tage, in denen es von der Derby-Euphorie direkt in den Europa-Schock ging. Die 90 Minuten gegen die Fortuna boten erneut eine Bandbreite der Emotionen. Am Ende stand ein wahnsinnig wichtiger Sieg, den Verein und Fans allerdings differenziert betrachten sollten.

Bei allen positiven Emotionen, die ein Last-Minute-Sieg mit sich bringt und die es zu genießen gilt: Dieses Sonntagsspiel unserer Borussia gegen Fortuna Düsseldorf bot einige Erkenntnisse. Trainerteam und Mannschaft müssen diese jetzt in der täglichen Arbeit und auf dem Platz umsetzen. Wir Fans sollten Druck machen, wenn er geboten ist. Aber eben nicht nach guten Spielen alles in den Himmel loben und nach schlechten Spielen den Teufel an die Wand malen.

Lehre 1: Hälfte eins war keine Reaktion!

Nach dem blamablen Auftritt im Europapokal hatten nicht nur wir auf eine klare Reaktion der Mannschaft drei Tage später gehofft. Vorweg: Ehrlich gesagt blieb diese trotz des Sieges aus unserer Sicht aus. Die erste Hälfte war eine einzige Enttäuschung, die Pfiffe nach einer halben Stunde können wir zwar nicht verstehen, weil sie der Mannschaft nicht helfen, aber natürlich waren auch wir enttäuscht. Nahtlos knüpfte die Mannschaft an den blutleeren, unkonzentrierten und erschreckenden Auftritt gegen Wolfsberg an.

Vor allem defensiv wirkte Borussia im ersten Durchgang unsicher. Immer wieder gab es Stellungsfehler und auch das Zweikampfverhalten ließ zu wünschen übrig. Keine Griffigkeit, kein offensives Verteidigen, das es gegen einen Gegner wie Fortuna braucht, um den Ansprüchen Borussias gerecht zu werden. Als Folge ergaben sich riesige Lücken zwischen den Mannschaftsteilen, die den Düsseldorfern immer wieder Räume öffneten. Dazu war der Spielaufbau behäbig, vorhersehbar und über weite Strecken uninspiriert. Vor allem im letzten Drittel fehlten Tempo, Spritzigkeit und Kreativität. Zum Glück hieß der Gegner nur Fortuna Düsseldorf.

Lehre 2: Borussia kann offenbar wieder Spiele drehen!

Immerhin: Das Trainerteam schien in der Pause die richtigen Worte gefunden zu haben. Denn in der zweiten Hälfte der Partie bot Borussia zwar kein spielerisches Feuerwerk, präsentierte sich aber dennoch deutlich anders. Der Mannschaft war anzumerken, dass sie das Spiel drehen wollte. Deutlich mehr Zug zum Tor und mehr Druck auf den Gegner waren die Folge. Die letzte Abgeklärtheit fehlte spielerisch zwar noch, wäre aber möglichweise bei einer besseren Chancenverwertung durch Hermann in der Folge leichter von der Hand gegangen.

Exemplarisch für die deutliche Leistungssteigerung zwischen den beiden Spiel-Abschnitten steht Stefan Lainer, der in Abschnitt eins mit der rechten Seite – vorsichtig ausgedrückt – überfordert war und im Offensivspiel immer wieder Bälle verschenkte. Dass ausgerechnet der Österreicher den Ausgleich vorbereitete ist sinnbildlich für sein “Ins-Spiel-Zurückkämpfen”. Auch wenn Lainer spielerisch weiter Schwächen offenbart, verdient seine Stehauf-Mentalität Respekt.

In den vergangenen zwei Jahren fehlten solche Charaktere der Fohlenelf oftmals. Die spielerischen Mängel Lainers lassen den jungen Jordan Beyer zwar weiter auf seine Chance hoffen, Lainer ist aber ein Typ, der sich nicht unterkriegen lässt. Das ist wichtig – für die gesamte Mannschaft. Dass es dann ausgerechnet der gute zwanzig Minuten vor Schluss eingewechselte Thuram war, der das Spiel mit einem Doppelpack drehte, lässt die Hoffnung aufkommen, dass Borussia unter Marco Rose wieder regelmäßig Spiele drehen kann. Immerhin war es nach dem Spiel in Mainz schon das zweite gedrehte 0:1 in dieser Saison. Zum Vergleich: In der Vorsaison gelang dies insgesamt nur einmal. Ein wesentlicher Fortschritt!

Lehre 3: Wir Fans müssen Geduld aufbringen!

Doch für eine wirkliche Runderneuerung braucht es Zeit. Denn bei aller Euphorie um das gedrehte Spiel waren auch in Halbzeit zwei noch einige Probleme erkennbar. Borussia spielte sich zwar einige Möglichkeiten heraus, agierte aber gegen einen immer tieferstehenden Gegner noch zu mittellos. In Situationen, in denen es nach einem Ballgewinn schnell in die Tiefe geht, kann die Mannschaft Gefahr heraufbeschwören. Steht der Gegner aber kompakt und macht das Spiel bewusst langsam, fehlen häufig die Ideen und die Geduld.

Marco Rose hat für solche Phasen eine langfristige Strategie und kurzfristige Taktiken – da vertrauen wir unserem Coach. Doch insbesondere bei einem Rückstand gegen einen Gegner, den wir bei unseren Ansprüchen Zuhause schlagen müssen, fällt es als Fan natürlich nicht leicht, die Geduld aufzubringen. Doch darauf wird es in den kommenden Wochen und Monaten leider ankommen. Denn es wird Zeit brauchen, bis der Kader die gesamte Philosophie des Trainerteams in allen Facetten verinnerlicht hat.

In dieser Zeit wird es Situationen und Spiele geben, die kurzfristig nach Rückschritt aussehen. Das Spiel gegen Wolfsberg war ein schmerzhaftes Beispiel. Doch solange mittelfristig Fortschritte in einzelnen Bereichen erkennbar sind, ist Borussia auf dem richtigen Weg. Die Moral der zweiten Hälfte und der eingewechselte Sieg waren gute Signale.

Lehre 4: Trainer und Team müssen ehrlich zu sich bleiben!

Wer gesehen hat, wie Trainer und Mannschaft beim Tor und nach Abpfiff gemeinsam jubelten und wie erleichtert Yann Sommer, Christoph Kramer und Co. nach dem Spiel in die Kurve kamen, der sollte ein gutes Gefühl haben. Auch bei den Fans war die Erleichterung nach Abpfiff spürbar. Und neben dem guten Gefühl, sich nicht schon wieder gegen diese langweilige Fortuna blamiert zu haben, war es auch die zurückliegende Energieleistung der Mannschaft, die für ausgelassene Stimmung sorgte.

Wenn Mannschaft und Fans in den kommenden Woche jeden Auftritt differenziert betrachten, dann ist Borussia auf einem guten Weg. Dabei sollten wir Fans die Mannschaft positiv begleiten. Natürlich dürfen wir uns über (Nicht-)Auftritte wie gegen Wolfsberg ärgern. Allerdings ohne die Gesamtsituation aus dem Blick zu verlieren. Und Mannschaft und Trainerteam? Die sollten positive Energie aus den richtigen Momenten ziehen und gleichzeitig klar ansprechen, wo es noch hapert.

Sicher: Es gibt aktuell noch eine Menge Baustellen rund um unsere Borussia. Wenn an denen aber mit so viel Akribie gearbeitet wird, wie Knippi sie für die Auswahl von nach Kreisliga klingenden Spitznamen für jeden Spieler des Kaders aufbringt, dann schauen wir mit Zuversicht auf alles, was da noch kommen mag. Wichtig werden in den kommenden Wochen für uns Fans Geduld und Nachsicht. Im Gegenzug dürfen wir von der Truppe aber Einsatz und Willen erwarten. Dann ist mittelfristig eine Menge drin!

Foto zu diesem Beitrag: Bongarts / Getty Images

5 Gedanken zu „Die Lehren des Düsseldorf-Spiels

  • 23. September 2019 um 20:25
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    Ein sehr guter Kommentar,
    der es voll auf den Punkt bringt.
    Die Mannschaft zeigt Charakter.
    Die Spiel gegen Wolfsberg Klammern wir mal aus.
    Aber jeder, der selber mal Fußball gespielt hat kennt solche Spiele.
    Eine etwas überhebliche Einstellung und dann den Schalter umzulegen ist schwer.
    Ich denke Trainerteam und Mannschaft werden die Lehren daraus ziehen.

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  • 24. September 2019 um 10:23
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    Guter Kommentar. Es fehlt der Mannschaft an Leader die sich nicht unterkriegen lassen und immer aufstehen. Leider wurde die letzten Jahre zu wenig darauf geachtet. Gutes Beispiel war das Spiel am Sonntag, wie schnell wieder die Mannschaft sich aus der Ruhe und dem Konzept bringen lässt. Nach dem 2:1 dann von allen zu sehen mit breiterer Brust und Entschlossenheit, lief das Bällchen kontaktlos. An den Nerven und der Ruhe muss vor allem gearbeitet werden, dann kommt eins zum anderen. Nur der VFL ???

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  • 26. September 2019 um 20:16
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    Lasst uns rund um unsere Borussia bloss nicht die Hektik aufkommen, die bei Vereinen wie z. B. S04 seit Jahren hemmend wirkt. Remember the last 20years. Alles gut.

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  • 27. September 2019 um 11:40
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    Die diskrete Leistungssteigerung in der 2. Hälfte war auch das Resultat des deutlichen Leistungsabfalls der Düsseldorfer in Halbzeit 2.
    Die Fortuna zog sich plötzlich zurück und ließ die Borussia spielen. Das reichte aber immer noch nicht. Ein Spieler zeigte seine individuelle Klasse, machte 2 Buden und fertig. Das Lainer von gefühlt 30 verkorksten Pässen auch mal einen zielgenau in die Box spielt – kann man erwarten bei 12 Mill. Unterm Strich bleibt erneut ein ziemlicher Grottenkick zu resümieren. Überhaupt muß man sich fragen, ob die Qualität auf den beiden Aussenverteigerpositionen für höhere Ambitionen ausreicht. Da habe nicht nur ich so meine Zweifel. Vielleicht geht es morgen leichter in der Sinsheimer Provinz. So ein 1:4 wäre mal ne Ansage.

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