Die Prag-Lehren für die Bundesliga

Länderspielpause vorbei, Bundesliga vor der Brust. Und viel Gesprächsstoff: Was in Prag passierte, war zwar beschämend doch keineswegs neu. Die Reaktion der Mannschaft, der Verantwortlichen und der Öffentlichkeit war im Großen und Ganzen gut. Und trotzdem bekleckerte sich der DFB nicht unbedingt mit Ruhm. Ein Kommentar.

Dass am Freitag in Prag aus den Blöcken der deutschen Fans plumpe Pöbeleien, dumme Gesänge und letztlich sogar „Sieg Heil“-Rufe zu hören waren, dürfte mittlerweile jeder Fußballfan mitbekommen haben. Die unmittelbare Reaktion der Spieler, die die Gesänge der Fans nach Abpfiff umgehend verurteilten, war ein starkes Zeichen. Zumal schon am Vorabend in einigen Kneipen Prags widerliche Lieder rechtsextremer Bands gegrölt wurden. Wieso ausgerechnet der Teamchef Jogi Löw es seinen Spielern erst Tage später nachmachte, wird sein Geheimnis bleiben, ist letztendlich allerdings auch nicht besonders wichtig. Wichtig ist jedoch, dass Verband Spieler, Betreuer und die Öffentlichkeit Stellung bezogen haben.

Dass es bei Auswärtsspielen der DFB-Elf regelmäßig zu nationalistischen Ausfällen kommt, ist seit geraumer Zeit bekannt. Neu ist allerdings, dass Mannschaft und Verantwortliche sich klar positionieren. Diese Positionierung ist wichtig. Und doch waren nicht alle Äußerungen glücklich.

Klar ist, dass es keine Toleranz mit Rechtsextremen geben kann. Klar ist auch, dass viele der Leute, die „Sieg Heil“ riefen, ebenfalls maßgeblich an den „Scheiß DFB“-Sprechchören beteiligt waren. Vielleicht stehen sie auch in den Stadien Deutschlands und rufen dort „Scheiß DFB“. Diese Rufe aus den Bundesliga-Stadien nun allerdings in einem Atemzug mit den „Sieg-Heil“-Rufen oder anderen rechtsextremen Parolen zu nennen, ist gefährlich. So wird nicht nur rechtsradikales Gedankengut verharmlost, sondern auch die freie Meinungsäußerung diskreditiert.

Leider ist dies aus DFB-Kreisen gleich mehrfach geschehen. Etwa als Oliver Bierhoff seine Kritik aus der Länderspielvorwoche im Vorlauf der Partie in Stuttgart gegen Norwegen bei RTL wiederholte und die Idioten aus Prag mit den Protestanten aus der Bundesliga gleichsetzte. Eine fatale Einschätzung! Denn auch wenn sich sicherlich über die Art und Weise diskutieren lässt, mit der die Verbände zu kritisieren sind, steht es doch jedem frei, den DFB zu kritisieren. Zumindest so lange dies im Rahmen der freien Meinungsäußerung geschieht.

Aber zurück zu den Vorkommnissen in Prag: Verantwortliche und Spieler waren sich im Nachgang ebenfalls darüber einig, dass die Fans, die den DFB lautstark kritisierten, aus dem Stadion verbannt werden müssten. Einige Funktionäre sprachen ihnen gar das Fansein ab. Auch das finden wir zumindest diskussionswürdig. Und zwar nicht, weil wir solche Fans gerne in Stadien oder sonstwo sehen. Vielmehr suggerieren diese Aussagen, dass der Fußball sich des Problems einfach entledigen könne, indem er die Menschen aus den Stadien hält.

Damit macht es sich ein Verband wie der DFB aber zu einfach. Natürlich liegt es nicht alleine an einem Verband oder den Vereinen, gesellschaftliche Probleme zu lösen. Wenn die Antwort des größten Sportverbandes der Welt auf solche Probleme jedoch Abschottung ist, dann wird er seiner gesellschaftlichen Verantwortung nicht gerecht.

Es ist falsch, wenn Kritik an Verbänden mit Nazi-Parolen in einem Atemzug genannt werden. Denn „Scheiß DFB“ mag dem Verband nicht passen, ist aber eben in Ordnung. Rechtsextreme Parolen passen auch uns nicht, weil sie unter keinen Umständen in Ordnung sind. Dass wir und der DFB uns da grundsätzlich einig sind, haben die Spieler und Betreuer am Freitag bewiesen. Die Quintessenz sollte also heißen: Nazis müssen verurteilt werden – kritische Fußballfans aber nicht.

Scheinbar herrscht aktuell ein gesellschaftliches Klima, in dem sich Menschen wieder trauen, gewisse Dinge zu äußern. Das gilt nicht nur – aber eben auch – in den Stadien. Dagegen müssen aktive Fans ebenso wie der DFB vorgehen. Denn wenn Deutsche – ganz egal ob Fußballfan oder nicht – faschistische Parolen brüllen, dann zeugt das von einer gefährlichen Geschichtsvergessenheit, die wir alle gemeinsam entschieden bekämpfen sollten. Dazu ist Mut, Engagement und Aufwand nötig.

Zum Abschluss daher ein Vorschlag an den DFB: Wie wäre es, wenn ihr eine symbolische Strafe für das Verhalten eurer Fans an eine Einrichtung zahlt, die Projekte gegen Rechtsextremismus auf den Weg bringt? Beispiele gibt es da genug – auch im Kontext des Fußballs. Schließlich hättet ihr einen Verein, dessen Fans sich bei einem Auswärtsspiel so verhalten hätten, doch auch bestraft. So würdet ihr gesellschaftliches Engagement zeigen und parallel beweisen, dass die Kritik aktiver Fans an gewissen Strukturen im Verband nicht ungehört bleibt.

Das wäre doch mal eine Lösung und würde sicherlich ein noch deutlicheres Zeichen setzen. Und es ist allemal besser und zielführender als die vorschnelle Verurteilung aller kritischen Fans und die Vermengung von Kritik und Nazi-Parolen.

3 Gedanken zu „Die Prag-Lehren für die Bundesliga

  • 7. September 2017 um 7:38
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    Ein sehr guter Kommentar. Die Sportverbänder müssen aus ihrer vermeintlich politikfreien Komfortzone heraus kommen. Sie haben ein sehr große Verantwortung und auch große Möglichkeiten gegen solche Entwicklungen, die leider wieder populär werden, aktiv zu agieren. Und das müssen sie auch! Das gilt nicht nur für den DFB, das gilt für alle. Schließt euch zusammen und startet eine neue Kampagne „nein zu Neonazis, nein zu Rechtradikalen“. Damit ist „nein zu Rassismuss“ mit abgedeckt, denn von denen kommt das doch, siehe Gauland zu Boateng. Da hat der DFB auch nicht nachhaltig reagiert. Es scheint der Vorstand feiert sich lieber selbst.

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  • 7. September 2017 um 11:15
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    Wenn man meint, Protest mit strunzdummen Parolen wie „Krieg demDFB“, „F**k dich, DFB“ usw. transportieren zu müssen, darf man sich nicht wundern, wenn das Licht die falschen Motten anlockt.
    So einfach ist das.

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    • 7. September 2017 um 19:25
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      Nein so einfach ist das eben nicht oder denken Sie wirklich im Ernst, dass beides zusammenhängt. Den Neonazis ist der Protest doch völlig egal. Dieses waren schon vor den Protesten in und ums Stadion verteilt. Nur hat sich der DFB vorher nicht so klar positioniert.

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