Ein fragwürdiger Polizeieinsatz.

Ein Derbysieg hinterlässt nur positive Eindrücke – dachten wir! Denn was sich laut diversen Augenzeugen am Samstag rund um die An- und Abreise von Seiten der Bundespolizei abspielte, lässt uns kopfschüttelnd zurück. Ein Versuch, die Geschehnisse zu ordnen.

Im Grunde ist es ja bei jedem Derby so: Im Mittelpunkt stehen in erster Linie das sportliche Geschehen und der Kampf zweier großer Fanszenen auf den Rängen. Ebenso viel Beachtung erfährt seit einigen Jahren aber auch das Sicherheitskonzept, das die Vereine mit der Polizei und den lokalen Sicherheitsbehörden erarbeiten. In diesem Zusammenhang ist es am Samstag offensichtlich zu Verfehlungen seitens der Bundespolizei gekommen.

Am Samstagmorgen hatten sich auf dem Alter Markt ab 9.30 Uhr etwa 600 Borussia-Fans versammelt, um sich gemeinsam auf das Derby einzustimmen. Gegen 11.10 Uhr setzte sich die Gruppe in Bewegung und lief über die Hindenburgstraße in Richtung Hauptbahnhof. Dort hatte sich am Vormittag bereits ein Aufgebot der Bundespolizei in Stellung gebracht.

Drei Einsatzwagen standen so vor dem Haupteingang des Bahnhofes, dass lediglich ein kleiner Durchgang entstand. Durch dieses Nadelöhr sollte die mittlerweile auf rund 1000 Fans angewachsene Gruppe, die den Entlastungszug nach Köln nutzen wollte, nun durch. Die Bundespolizei ließ die Fans dabei nur in kleinen Gruppen in die Bahnhofsvorhalle. Dort sollten alle Anhänger kontrolliert werden.

Hier ging erstmal Nichts mehr: Beamte riegeln den Gladbacher Bahnhof ab.

Konzept der Bundespolizei erwies sich als Katastrophe

Eine Bundespolizeisprecherin erklärte gegenüber unserer Redaktion: „Wir haben die Kontrollen am Bahngleis durchgeführt, um sicherzustellen, dass das angeordnete Glasflaschenverbot auch durchgesetzt wird. Im Bahnhof selber waren noch Flaschen erhältlich. Bei 200 Fans haben wir Glasflaschen gefunden.“ Dazu wurde in einem Fall auch Pyrotechnik gefunden. Zugegeben: Aus Polizei-Sicht hört sich das alles nachvollziehbar und sinnig an. Das Konzept erwies sich in der Umsetzung dennoch als Katastrophe – und das ist noch zurückhaltend ausgedrückt.

Das Problem: Es gab nur einen Entlastungszug. Nach unseren Informationen hatte die Bundespolizei im Vorfeld zwei Züge bei der Deutschen Bahn AG angefragt. Diese sagte aber nur einen – recht kurzen – Entlaster zu. Warum Bahn und Polizei sich nicht einigen konnten, war für uns am Montag und Dienstag nicht herauszufinden. Der eine Entlastungszug fuhr dann auch noch sehr spät auf Gleis 1 ein. Entsprechend spät öffnete die Bundespolizei auch das Gleis. Da Gleis 1 bekanntermaßen nur über einen schmalen Treppenaufgang zu erreichen ist und zu Beginn nur fünf Bundespolizisten die wartenden Gladbacher kontrollierten, staute sich im Bahnhofstunnel vor dem Aufgang schnell eine schwer zu kontrollierende Menschenmasse. Auch weil irgendwann vom Hinterausgang des Bahnhofes immer mehr Fans in Richtung Gleis drängten.

Fanprojekt-Kreise: Gleis 1 nicht für Sonderzug-Fahrten geeignet

Die Bundespolizeikräfte, die größtenteils aus Berlin kamen und die örtlichen Gegebenheiten in Mönchengladbach nach eigenen Aussagen kaum kannten, waren mit der Situation teilweise überfordert. Aus Fanprojekt-Kreisen erfuhr MitGedacht. außerdem, dass der Polizei schon mehrfach von einer Entlaster-/Sonderzug-Abfahrt von Gleis 1 abgeraten wurde. Das Gleis sei mit nur einem Treppenaufgang bei Ankunft einer großen Menschenmenge nicht fluchtweggeeignet. Mit Blick auf die gesetzlich festgelegten Sicherheitsanforderungen bei großen Menschenansammlungen nach dem Loveparade-Unglück in Duisburg 2010 ein absolut berechtigter Einwand.

Erst um 13.00 Uhr, knapp eineinhalb Stunden nach Beginn der ersten Kontrollen und mit knapp 45-minütiger Verspätung, konnte der überfüllte Sonderzug in Richtung Köln rollen. Fans mussten durch Fenster in den Zug steigen und in den Gepäckablagen sitzen. Doch damit nicht genug: Knapp 200 Borussinnen und Borussen standen immer noch am Bahnhof in Mönchengladbach. Sie waren nicht in den überfüllten Sonderzug gekommen.

Die sehr genauen Kontrollen der Bundespolizei

Bundespolizei setzt Pfefferspray und Schlagstöcke ein

Uns liegen Augenzeugenberichte vor, die schildern, dass die Bundespolizei unverhältnismäßig gegen die weiterhin wartenden und immer ungeduldiger werdenden Fans vorgegangen sei. Ein Augenzeuge: „Wir standen noch mit ca. 200 Mann vor dem Hauptbahnhof und alle wurden ungeduldiger. Daher wurde von hinten gedrückt, woraufhin die Polizei vorne an dem Nadelöhr die erste Reihe direkt mit Pfefferspray und Schlagstöcken bearbeitet hat.“ Der Bericht deckt sich mit vielen weiteren Erfahrungen, die Fans auch unter dem Facebook-Post der Fanhilfe Mönchengladbach und des FPMG Supporters Clubs veröffentlicht haben.

Die Bundespolizei stellte die Vorfälle am Montag und Dienstag gegenüber der MitGedacht.-Redaktion allerdings so dar: „Es war so, dass der Zug bereits voll war – eine größere Gruppe aber noch draußen stand. Als die Fans dann gemerkt haben, dass sie nicht mehr in den Zug kommen, wollten sie sich den Durchsuchungsmaßnahmen nicht stellen und die Polizeiabsperrung durchbrechen. So kam es dann zu dem Einsatz von Pfefferspray.“ Auf unsere Nachfrage, dass dabei auch unbeteiligte Fans Reizgas in die Augen gesprüht bekamen, verwies eine Sprecherin der Bundespolizei unter anderem auf den Wind, der das Spray auch verteilen könne. Dass der Einsatz von Pfefferspray in einer solchen Situation keine wirklich deeskalierende Lösung ist, scheint die Polizei nicht in Erwägung zu ziehen. Die Beamte hätten sich verteidigen müssen.

Gefährdenansprachen zeigen Überforderung der Exekutive

Von einem anderen Vorfall kurze Zeit später will die Bundespolizei gar nichts mitbekommen haben. Die wartenden 200 Fans wurden 45 Minuten nach Abfahrt des Entlasters mit dem RE 8 von Köln nach Mönchengladbach gebracht. Dort soll es zu mehreren sogenannten Gefährdenansprachen von Polizei-Seite gekommen sein. Ein Zeuge: „Ein Beamter ist durch den Zug gegangen und hat in jedem Abteil eine Gefährdenansprache gehalten. Die Polizei wäre in diesem Zug unterbesetzt und könne nicht alles im Blick haben und sich absichern. Sicher würden Kölner zusteigen. Sollte es zu Gewalt kommen, würde die Polizei sofort eingreifen – notfalls auch mit Gewalt.“ Gegenüber unserer Redaktion gab die Bundespolizei an, von diesen Situationen nichts mitbekommen zu haben.

Letztlich kamen die Gladbacher Nachzügler 15 Minuten vor Spielbeginn am Stadion an. Dreieinhalb Stunden nachdem der Marsch vom Morgen den Mönchengladbacher Hauptbahnhof erreichte. Die wütende Nachfrage eines Bekannten unserer Redaktion, warum die Bundespolizei derart unvorbereitet in den Einsatz gegangen ist, beantwortete ein Beamter am Tag so: „Selbst Schuld. Dann fahrt doch mit dem Auto!“ So viel dann zum Thema konspirative Anreise.

Erschreckend überfordert: Bundespolizei zeigte wenig Fingerspitzengefühl im Umgang mit Fans.

Polizei verkennt die Situation auf der Rückfahrt

Nach dem Spiel ereigneten sich am Ehrenfelder Bahnhof dann ähnliche Szenen wie schon bei der Abfahrt aus Mönchengladbach. Hunderte Fans drängten nach und nach in den engen Tunnel am Gleisaufgang Ehrenfeldgürtel/Stammstraße. Dort versperrte die Bundespolizei allerdings den Aufgang. 45 Minuten lang entstand ein gefährlicher Druck von hinten, in der Menschenmasse kollabierten Personen, zusätzlich drängten weitere Einsatzkräfte der Bundespolizei in den engen Bahnhofstunnel, um die Kollegen vorne zu entlasten.

Die wartenden Fans reagierten zunehmend ungehalten: Es gab kein Vor- und Zurück, auch ein Toilettengang war fast unmöglich – für weibliche Fans stand übrigens gar keine Toilette zur Verfügung. Der Hintergrund der langen Sperre war der gleiche wie auf der Hinfahrt: Der Sonderzug war schlicht und einfach noch nicht da. Eine Bundespolizei-Sprecherin zur MitGedacht.-Redaktion: „Auf dem Gegenbahnsteig fuhren immer wieder Züge ein, in denen gegnerische Fans saßen. Wir wollten ein Aufeinandertreffen der beiden Gruppen vermeiden.“ Ob es deshalb besser ist, immer mehr ankommende Fans in einem engen Tunnel wie Vieh zu halten? Schwierig.

Uns drängen sich nach den Vorfällen vom Samstag einige Fragen auf:

  • Warum lernt die Bundespolizei nicht aus vergangenen Fehlern und lässt es im engen Bahnhofstunnel des Mönchengladbacher Hauptbahnhofes zu einer derart absehbaren Eskalation kommen?
  • Warum werden gegen eine friedlich wartende Gruppe Schlagstöcke und Pfefferspray eingesetzt?
  • Warum wird von Bahn und Bundespolizei zur Mitfahrt in einem viel zu kleinen Entlastungszug aufgerufen? Warum stellt die Bahn nicht zwei Entlastungszüge zur Verfügung?
  • Wieso wird der Wartebereich in Ehrenfeld vor dem Bahnhof nicht vergrößert, damit es nicht zu einer weiteren großen und schwer zu kontrollierenden Menschenmasse kommt, wie schon morgens in Mönchengladbach?

Wir hoffen, dass die Bundespolizei den Einsatz hinterfragt und die Hintergründe rasch aufklärt. Dazu fordern wir auch unsere Fanvertreter und die Führungsetage der Borussia auf, auf die Missstände hinzuweisen. Die Fanszene unserer Borussia hat sich am Derbytag von ihrer besten Seite präsentiert. Es kam kaum zu Zwischenfällen. Von Fanseite verlief der Tag absolut friedlich. Ein ähnlich kooperatives Auftreten erwarten wir allerdings auch von der Polizei. Wir rufen alle geschädigten Fans auf, sich bei der Fanhilfe Mönchengladbach oder dem Supporters Club zu melden.

Fotos zu diesem Beitrag: Nordkurvenfotos.de

5 Gedanken zu „Ein fragwürdiger Polizeieinsatz.

  • 12. April 2017 um 23:56
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    Wer das alles glaubt…..und das unsägliche Zündeln fällt dann wohl in den Bereich „kaum Zwischenfälle“…na Danke.

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    • 13. April 2017 um 17:45
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      Hätte da zwei Fragen…

      Warst du überhaupt dabei um sowas zu behaupten?
      Wieso setzt du die Ultra-Szene mit allen anderen 5000 Gladbachern vor Ort gleich?

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      • 18. April 2017 um 16:22
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        Weil die Ultra Szene eine solche Maßnahme erst nötig macht. Alleine schon das Mitführen von Pyrotechnik fällt keinem normalem Fußballfan ein. Das sind die Wichtigmacher der selbstgefälligen Ultra-Szene.
        Ich bin für das englische System im Stadion. Personifizierte Sitzplätze. „Auf welchem Platz es brennt“, diese Person ist haftbar im vollem Umfang. Vielleicht bekommt man so den Deckmantel des Schweigens gelüftet wer die Idioten sind, welche dem Verein Geld kosten und den normalen Fans solch beschriebene Aktionen auferlegen.
        Ich war vor Ort! Und ja, ich bin Borusse (Kutte!).
        Situationsbedingte Unterstützung der Mannschaft ist aus meiner Sicht auch förderlicher als dieses dauerhafte Vorsingen irgendwelcher Jugendlichen auf dem Zaun. Aber das gehört nicht hier her.

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  • 14. April 2017 um 1:21
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    Um einen Artikel zu hinterfragen, muss man ja nicht unbedingt immer dabei gewesen sein.
    Seien Sie gewiss, dass ich die Örtlichkeiten zur Genüge kenne. Ich habe gesehen, lese und darf doch bitte wohl hinterfragen. Und bitte, was habe ich behauptet und wen oder was habe ich mit wem auch immer (Sie meinen) gleichgesetzt? Andere Frage: Warum löschen angeführte 5000 MG-Fans nicht diesen ca. 50 Ultras, oder wer auch immer diese Fackelbrüder sind, zumindest besagte Fackeln? „Einig Volk von Brüder“….aber auf ne ganze Menge davon kann ich gerne verzichten….

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  • 20. April 2017 um 15:22
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    „Die Fanszene unserer Borussia hat sich am Derbytag von ihrer besten Seite präsentiert.“

    Toilettenzerstörend und Klobrillenwerfend, wie schon in Leipzig 😀 Muhahahaha

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