Genie und Wahnsinn gehen – Borussia bleibt bestehen!

Lucien Favre ist ein komischer Kauz. Das haben wir schon mehrfach so geschrieben, auch in Zeiten des größten Erfolges. Beispiele für diese Einschätzung gibt es en masse. An dieser Stelle vielleicht nur eines: Welcher Verantwortlicher ziert sich nach dem 34. Spieltag, nach einem gerade erreichten dritten Platz, gemeinsam mit den Fans zu feiern – nur weil sein Team gerade das Spiel verloren hat und er unerklärliche Fehler entdeckt hat? Lucien Favre!

Die Fachkenntnis unseres Ex-Trainers ist über jeden Zweifel erhaben. Favre ist ein absoluter Fußball-Experte – detailverliebt, akribisch, zuweilen vielleicht sogar besessen. Wir haben schon mehrfach kundgetan, dass wir Favre ein Denkmal setzen würden. Denn sind wir mal ehrlich: Das, was Lucien Favre mit unserem Verein gemacht hat, ist kaum in Worte zu fassen. Lucien Favre hat Borussia vom Abstiegskandidaten zum Europa-League-Kandidaten gemacht. Lucien Favre hat uns eine Fußball-Sphäre gezeigt, mit der wir eigentlich längst abgeschlossen hatten. Lucien Favre hat Borussia zu dem gemacht, was sie heute ist. Deshalb schreiben wir – vermutlich ein letztes Mal: Chapeau und Merci, Lucien!

Favre, der Wahnsinnige!

Zur ganzen Wahrheit gehört aber auch: Lucien Favre ist nicht nur Genie, sondern auch Wahnsinn zugleich. Ein Exzentriker, der ständig zweifelt, der sich Kritik besonders zu Herzen nimmt, der schneller aufgibt als andere. So wie nun. Bereits vor Saisonbeginn äußerte Favre den Wunsch, sein Engagement in Mönchengladbach zu beenden – freilich nicht zum ersten Mal. Genau deshalb taten Vorstand und Geschäftsführung diese Bitte ab. Begründung: Wir schaffen das gemeinsam und belohnen uns für die tolle letzte Saison. Nicht mit dem Schweizer!

Als Lucien Favre am Sonntagmorgen nun wieder mit der Bitte bei der Geschäftsführung aufschlug, dachten Königs, Bonhof, Schippers und Eberl wohl wieder zunächst an die typischen Zweifel des Schweizer Erfolgstrainers. Das Rücktrittsgesuch wurde abgelehnt. Motto wieder: „Wir schaffen das gemeinsam! Wir stehen voll hinter dir!“ Favre konnte sich der Loyalität, der vollen Unterstützung und des ungebrochenen Vertrauens Seitens des Vereins sicher sein. Und das nach sechs Pflichtspielniederlagen, null Punkten und Platz 18 in der Bundesliga. Andere Trainer würden sich geehrt fühlen. Favre gab das, und das zeigt wie verzweifelt er zu sein scheint, offensichtlich nicht die nötige Ruhe. Denn dass der Klub am Abend so unvorbereitet – nämlich gar nicht – auf Favres Vorstoß reagierte, zeigt dass auch die Klub-Bosse wohl vollkommen überrascht gewesen sein müssen. Favre, der Wahnsinnige!

Für das arg verunsicherte Team ein Super-Gau

Wir sind offen gestanden schockiert. Eigentlich ist es unfassbar, dass ein vertraglich gebundener Angestellter, egal was er vorher geleistet und welchen Status er sich erarbeitet hat, derart eigenmächtig über seinen Abschied entscheidet. Wenn der Arbeitgeber meinen Rücktritt ablehnt, gehe ich an die Presse und schaffe Fakten. Das ist, so ehrlich muss man selbst mit dem wahrscheinlich besten Trainer seit Hennes Weisweiler sein, ganz schlechter Stil!!

Damit bröckelt an unserem Denkmal, das wir Favre setzen wollten, zumindest mal der Lack ab – wenn nicht noch mehr. Es wäre dennoch zu einfach, pauschal zu behaupten, Favre würde sich der Verantwortung entziehen. Das hat er auch zu Beginn seines Engagements 2011 sowie nach den Abgängen von Reus und Co. 2012 nicht getan. Favre hat oft Verantwortung übernommen und ist ins Risiko gegangen. Allerdings muss ein Vorwurf geäußert werden: Mit seinem Abschied macht es sich Favre ein bisschen zu leicht! In den vergangenen Jahren ging es stetig bergauf. Nun nach fünf Spieltagen bereits die Reißleine zu ziehen, ist schon fast feige. Zumal im Klub alle hinter dem Trainer standen. Trotz eines sicherlich nicht einfachen Verhältnisses zu seinem Trainer, erklärte Eberl ohne Not, der Trainer sei „unrauswerfbar“, stärkte ihm demonstrativ den Rücken. Dass Favre in dieser Phase hinschmeißt, ist schwach und egoistisch.

Zumal der Schweizer den ohnehin schon durchgeschüttelten Verein damit noch mehr unter Zugzwang setzt. Mitten in einer englischen Woche steht die Mannschaft nicht nur ohne Punkte, sondern auch ohne Trainer dar. Für das arg verunsicherte Team ein Super-Gau. Beim Gespräch mit den Spielern vergangenen Samstag nach der Ankunft im Borussia-Park zeigte sich: Das Team braucht Persönlichkeiten, an denen sie sich aufrichten kann. Zum Beispiel einen starken Trainer, der Favre – auch wenn es zuletzt nicht mehr so wirkte – immer noch war.

Am Ende bleiben nur wir Fans

Das Problem: Es kann locker bis zur nächsten Länderspielpause dauern, bis Max Eberl den passenden Trainer gefunden hat. Zumal das Anforderungsprofil extrem anspruchsvoll ist. Borussia braucht keinen Feuerwehrmann. Der Klub steht nicht drei Spieltage vor Schluss mit dem Rücken zu Wand. Borussia braucht einen Trainer, der den Verein möglicherweise auf Jahre prägen kann. Eigentlich dachten wir, dass Lucien Favre dieser Trainer sei. Doch so ist anscheinend der Profifußball: Du kannst dich auf nichts verlassen!

Daher ist die Erkenntnis aus den letzten Stunden übrigens keine ganz Neue: Am Ende ist Borussia, unser Verein, das einzige, was bleibt und zählt! Spieler und Trainer kommen und gehen. Sie lassen sich bejubeln, feiern große Erfolge und sind irgendwann doch weg. Wir Fans sind zwischendurch vielleicht die Romantiker, die doch an die große Liebe zwischen uns und den Funktionären/Spielern glauben. Letztendlich werden wir aber doch immer wieder enttäuscht…

Und so ist die vielfältige Geschichte des Mythos Borussia wieder um eine Episode reicher. Mal wieder bekommt unsere in den vergangenen Jahren so aalglatte Vereinshistorie ein paar Risse und Kratzer hinzu. Und letztlich werden wir doch wieder gestärkt aus dieser Geschichte hervorgehen. Das Positive: Wir Fans bleiben! Wir stehen weiter zu 100 Prozent hinter unserem Verein. Und das ist auch gut so.

WIR SIND BORUSSIA!

Foto zu diesem Beitrag: nordkurvenfotos.de

7 Gedanken zu „Genie und Wahnsinn gehen – Borussia bleibt bestehen!

  • 21. September 2015 um 13:22
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    An Max Eberl und an alle Borussen.
    Wie wäre es mit Mehmet Scholl als Trainer?
    Jung und hat Ahnung vom Fussball, ähnliche Ansichten wie Lucien!!

    Antwort
  • 21. September 2015 um 14:08
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    Sehr gut geschriebener Artikel!
    Ich könnte mich mit dem “Gedanken” von H.Höhn M.Scholl als Trainer
    auch anfreunden.Schaun wir mal….! Werde mich trodzdem am Mittwoch
    Morgen auf den 500Km langen Weg aus SH in den Borussia Park machen
    und der Mannschaft u.dem Verein meinen größtmöglichen Support ent-
    gegen zu bringen.

    Antwort
  • 21. September 2015 um 15:22
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    Thomas Schaaf! Der hat auch Ahnung vom Fußball – und dazu noch jede Menge Erfahrung.

    Antwort
  • 21. September 2015 um 16:52
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    Vielleicht setzt der Rücktritt ja bisher blockierte Energien bei den Spielern frei und es läuft ab Mittwoch wieder besser. Vielleicht hat Favre genau das geplant und in ein paar Wochen werden wir erkennen, wie genial Favre wirklich ist….

    Antwort
  • 21. September 2015 um 17:53
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    Hallo Günter Höhn,
    auf die Idee bin ich noch gar nicht gekommen… Hervorragend! Halte sehr viel von ihm.

    Antwort
  • 21. September 2015 um 17:55
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    Solange keine 0815 Lösung kommt… Frontzeck ist ja gott sei dank bei Hannover im amt (fragt sich wie la ge noch)jetzt kann Eberl zeigen was er drauf hat , letztes mal war es ein griff ins Glück und ich bin überzeugt , dass er auch dieses mal den richtigen Mann finden wird , nur nichts überstürzen

    Antwort
  • 22. September 2015 um 10:02
    Permalink

    Bernd Krauss. Der letzte Titel gelang mit ihm

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