Heckings Traumstart: Müssen wir Fans Abbitte leisten?

Auch ein paar Tage später geht das Ergebnis aus München runter wie Öl. Das 3:0 sorgt dafür, dass der ganze Verein mit einem mehr als zufriedenstellenden Saisonstart in die Länderspielpause geht. Wir wollen uns in der Pause nun einer Sache widmen: dem Misstrauen gegenüber Dieter Hecking.

Extrem viele Anhängerinnen und Anhänger – wir schließen uns da ganz ausdrücklich mit ein – haben in der vergangenen Saison keine Gelegenheit ausgelassen, Dieter Hecking zu kritisieren. Es waren im Wesentlichen die immer gleichen Kritikpunkte: Der Trainer entwickle weder den Kader noch einzelne Spieler weiter und eine wirkliche Spielidee lasse sich auch nicht erkennen. Und wenn es auf dem Platz eindeutig schlecht lief, fehlten viel zu häufig deutlich (selbst-)kritische Töne nach Schlusspfiff.

Zugegebenermaßen hatten wir auch wenige Tage vor Saisonstart erhebliche Zweifel, ob die Erneuerungen im Kader ausreichten, um einen wirklichen Schritt nach vorne zu gehen. Die Verpflichtung Alasanne Pléas war ein Ausrufezeichen – wenngleich teure Offensivtransfers in der Vergangenheit nicht das beste Omen waren. Defensiv hingegen bereitete uns der Abgang Vestergaards Bauchschmerzen, weil er Fußstapfen hinterließ, die aus unserer Sicht sowohl für Tony Jantschke als auch für Jordan Beyer oder Nico Elvedi zu groß schienen.

Schon nach zwei bis drei Spielen allerdings sahen wir uns eines Besseren belehrt: Ergebnisse und Spielweise der Mannschaft und die defensive Stabilität ließen sich gut an. Und das zu einem Zeitpunkt, zu dem gefühlte Stammspieler wie Zakaria oder Kramer plötzlich auf der Bank schmorten. Jonas Hofmann zeigte plötzlich Dinge, die die damalige Ablöse von acht Millionen Euro in ein ganz anderes Licht rückten. Die Youngsters Beyer und Florian Neuhaus schlugen ein wie eine Bombe. Plötzlich offenbarte sich eine vollkommen ungeahnte Kadertiefe, mit der wir nicht gerechnet hatten. Auch wenn sich jeder darüber im Klaren sein sollte, dass wir gerade von den jungen Spielern keine Konstanz über die gesamte Spielzeit verlangen können.

Was uns aber am meisten überrascht hat: Endlich ist bei Borussia wieder eine Spielidee zu erkennen. Auch wenn das Gebilde defensiv in einigen Spielen wie gegen Augsburg noch etwas fragil wirkt, geht vorne endlich wieder die Post ab. Borussia wirkt wieder unberechenbarer und steht für einen Stil! Das liegt sicher auch daran, dass ein Stürmer wie Pléa mit seiner bisherigen Treffsicherheit auf das Selbstvertrauen und die Sicherheit im Spiel nach vorne abfärbt. Es scheint so, als hätten wir endlich mal wieder einen klassischen Torjäger, der auch in umkämpften Spielen (wie in Augsburg) einfach mal richtig steht und das Ding einnickt. Dass dieser Torjäger technisches Potential hat, beweisen nicht zuletzt seine Schlenzer gegen Wolfsburg und Bayern. Was uns aber besonders fasziniert: Auch spielerisch und kämpferisch scheint er sich bestens ins System einzufügen. In genau das klar strukturierte 4-3-3-System, das viele im vergangenen Jahr vermissten und das vor allem auf einen Mann zurückgeht: Dieter Hecking!

Unser Trainer hat aus der vergangenen Saison – gemeinsam mit Max Eberl und Steffen Korell – offenbar die richtigen Schlüsse gezogen. Auf dem Platz ist eine Handschrift erkennbar, der Kader ist deutlich tiefer (auch weil es an der Verletztenfront besser aussieht) und ausgewogener. Natürlich ist da noch die Instabilität im Defensivbereich. Zum einen gab es da das Spiel in Berlin, in dem die Mannschaft defensiv katastrophal auftrat. Zum anderen das Spiel in Wolfsburg, in dem ohne die Konzentrationsfehler in der Defensive ebenfalls deutlich mehr drin gewesen wäre.

Doch insbesondere nach dem Spiel bei der Hertha trat Hecking anders auf, als nach vielen schwachen Auftritten der vergangenen Saison. Er redete weniger schön, sondern sprach davon, dass „wir es nicht gut gemacht haben“ und richtete seine Kritik explizit an den gesamten Mannschaftsverbund. Eine eindeutige Fehleranalyse, die einzelne Spieler dennoch stärkte. In den daraus folgenden Auftritten waren klare Verbesserungen zu erkennen. Der defensive Auftritt in München war – das ging im medialen Krisengerede über schwache Bayern leider ein wenig unter – nahezu perfekt. Hecking hat Spieler wie Oscar Wendt oder den in Berlin katastrophalen Nico Elvedi aktuell spürbar besser gemacht und auf ein neues Niveau gehievt. Das ist (s)eine Leistung!

Es ist klar, dass wir jetzt nicht himmelhochjauchzend durch Mönchengladbach ziehen und die bronzene Hecking-Statue auf dem Alter Markt fordern. Der aktuelle Höhenflug ist eine wahnsinnig schöne Momentaufnahme, die wir auch genauso begreifen sollten. Im Fußball ist es meist so, dass auf Flut auch mal wieder Ebbe folgt. Außerdem wird nach 34 Spieltagen abgerechnet. Und trotzdem steht fest: Mannschaft und Trainer haben gemeinsam eine gesunde Basis geschaffen, die uns nicht nur optimistsich auf die kommenden Wochen blicken lässt, sondern uns auch endlich mal wieder eine Perspektive aufzeigt und Spaß macht.

Vielleicht müssen wir am Ende der Saison dann tatsächlich kleinlaut aber ganz ehrlich Abbitte im großen Stile leisten. Das wäre schön.

7 Gedanken zu „Heckings Traumstart: Müssen wir Fans Abbitte leisten?

  • 11. Oktober 2018 um 22:04
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    Sehr guter Kommentar. Ob Hecking schlecht war und nun gut ist, mag keiner so beurteilen können, außer ein Max Eberl und das direkte Umfeld. Man spürt eine Leichtigkeit in der Mannschaft und auch bei den Fans.

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  • 12. Oktober 2018 um 8:10
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    Ich finde dass man letzte Saison bei der ganzen Kritik an Hecking die riesige Masse an Verletzten bei der Beurteilung vergessen hat. Gefallen konnte einem nicht was da so gespielt wurde aber ich fand und finde dass die ganzen Verletzten schon eine Rolle gespielt haben.
    Und wenn man sollte auch mal folgendes sehen: Hecking kam zur Rückrunde wo wir befürchten mussten gegen den Abstieg zu spielen und hat uns kurz unter internationale Plätze gehieft. Die darauf folgende Hinrunde lief trotz einiger Verletzungen ganz gut. Die Rückrunde mit noch mehr Verletzten gar nicht mehr gut und vorallem nicht ansehnlich und was diese Hinrunde bisher gespielt wurde ist wohl mehr als ansehnlich.
    Guter Artikel von euch 🙂 macht so weiter.

    Gruß Frank

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  • 12. Oktober 2018 um 9:27
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    Der Schein trügt !
    Gegen extrem formschwache aber
    „namhafte „ Teams Bayern-SO4-Bayer wurde gewonnen.
    Gegen formstarke Teams Berlin-WB-Augsburg gab es 2 Punkte.
    Die extrem niedrige Erwartungshaltung
    in Bayern, verklärt den Blick für eine objektive Bewertung.
    Sturm ,Mittelfeld und ein aktuell sehr guter Torwart verzerren das Bild. Die Abwehr oder die fehlende Ballance entsprechen nicht dem Tabellenstand.
    Es fehlen Robustheit, körperliche Zweikampfstärke und Ausstrahlung.
    Ein sehr fragiles Gebilde.
    Ein, zwei Typen wie Martin Stranzel,
    sind fehlende Bausteine.
    Dies alles, gemessen an den aktuellen Lobeshymnen und dem Tabellenstand.

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  • 12. Oktober 2018 um 11:35
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    Wenn alle gelernt haben, das Fußball ein Laufspiel ist und man für ein Mindestmass an Erfolg (Platz 7 bis 4) auchmal 1 Tor mehr erzielen muss als der abstiegsgefährdete Gegner, dann ist ja schon viel gewonnen. Trotzdem sind mir die Kommentare eines Herrn Eberl in Richtung Borussenanhänger, ich vermeide hier bewusst die Bezeichnung Fans, leider immer noch stark präsent. Um am Ende des Tages zu sagen ” ich bin halt Mensch, ich mache Fehler und ausserdem gibt es Interesse aus Bayern, aber das wird der geistesgegenwärtige Borussenvorstand schon zu verhindern wissen”. Für mich kann ich sagen, das ICH alle Borussenmeisterschaften hautnah miterlebt habe.

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  • 12. Oktober 2018 um 17:03
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    Ich sehe das Ganze im Moment auch eher mit gemischten Gefühlen.

    Die derzeit 7 Spiele können die uninspirierte und lasche Spielweise der Rückrunde bei mir (noch) nicht unvergessen machen.
    Klar, gab es viele Verletzte, aber ich bin überzeugt, dass wenn alle anderen Spieler mit einer entsprechenden Einstellung in jedes einzelne Spiel gegangen wären mehr drin gewesen wäre. Der katastrophale Höhepunkt zum Ende der Saison war dann in Hamburg, wo ich vor Ort war und live miterleben musste wie sich die auf dem Feld stehenden “Helden” selbst gegen dezimierte Hamburger kein Bein ausreißen wollten. Blamabel!

    Die Zugänge Plea, Lang und Neuhaus gefallen mir sehr gut.
    Plea weiß, wie Reus, wo das Tor steht und nutzt jede sich bietende Chance zum Abschluß. Endlich mal einer, der nicht nochmal querschiebt, sondern schießt.
    Neuhaus, für das Alter, super abgebrüht und mit toller Vorarbeit.
    Lang, trotz nur zwei Spiele, durch seine Erfahrung wirkt er schon integriert und stabilisierend.

    Gegen die Bauern waren wir nicht schlecht, aber was die Bauern an dem Tag auf die Reihe gebracht haben, da hätten auch andere Teams gut ausgesehen.

    Deswegen bin ich sehr auf das Mainzspiel und das Spiel auswärts in Freiburg gespannt. Gerade im Breisgau wäre es wirklich mal an der Zeit Punkte zu holen.

    Wir werden es ja sehen und vielleicht, aber nur vielleicht, bin ich dann bereit zum Ende der Saison über das Thema Abbitte nochmal nachzudenken.
    😉

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  • 14. Oktober 2018 um 11:48
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    Abbitte leiste ich am Ende der Saison. Ich haben ein gutes Auftaktspiel gegen Leverkusen gesehen, was durchaus auch anders hätte laufen können. Augsburg war dann erst einmal wieder ein Ernüchterungsspiel. Ich weiß, da tut man sich traditionell schwer ( so wie in Freiburg, gegen Frankfurt, in Dortmund, in Wolfsburg etc. pp). In Berlin gab es nix zu holen. Dafür dann der Sieg in der Arroganzarena. Was Neuer, Hummels, Boateng gerade draufhaben, war gestern in Amsterdam zu sehen. Insofern halte ich den Euphorieball flach. Noch hat mich DH nicht vom Gegenteil überzeugt. Aber er hat, im Gegensatz zum Bundesjogi, zunächst einmal ziemlich viel richtig gemacht. Gerne weiter so. Und dann kann man Mitte März 2019 über Verträge reden.

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  • 16. Oktober 2018 um 18:56
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    Abbitte leisten ??? Wofür bitte??? Dafür, dass die Fans die grottenschlechten Leistungen der vergangenen Saison nicht länger ansehen wollten und ihren Unmut äusserten; dafür sicherlich nicht. Das was in der vergangenen Saison ablief, wird nicht durch 2 oder 3 gute Leistungen vergessen gemacht. Es ist toll zu sehen, dass die Mannschaft endlich anfängt zu zeigen, was in ihr steckt. Nominell gehört der Kader zu den Besten in der Bundesliga, also kann man auch erwarten, dass er so spielt. Und wenn der Verein am Ende der Saison nach vielen Jahrzehnten wieder ernsthaft um den Titel mitspielen sollte, wäre dies in erster Linie ein Verdienst der Mannschaft, des Trainers und des Managements, aber sicherlich auch ein Verdienst der vielen sachlich formulierten Kritiken der letzten Saison, denn es zeigt eins: Die Verantwortlichen haben verstanden; verstanden nämlich, dass die Fans nicht länger gewillt sind, solche Vorstellungen wie in der Saison 17/18 unkommentiert hinzunehmen. Und wenn man vereinsseitig daraus die richtigen Schlüsse gezogen hat, umso besser für alle.
    Also, Abbitte wofür???

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