Lars Stindl im Interview: “Fußball ist Samstag, 15.30!”

Lars, Du bist erst vier Monate bei Borussia, hast aber eine gefühlte Achterbahnfahrt hinter Dir: Gute Vorbereitung, katastrophaler Saisonauftakt, erstes Champions-League-Spiel, Trainerwechsel, erneuter Aufschwung. Mit welchen drei Attributen würdest Du diese Zeit beschreiben?

(Überlegt kurz) Aufregend, auch schwierig, am Ende aber natürlich glücklich.

Schon nach wenigen Wochen in Mönchengladbach hast Du in einem Interview gesagt: „Wie bei Borussia Fußball gelebt wird, das passt zu mir!“ Kannst Du diese Aussage erklären?

Für mich als Spieler zählt natürlich vor allem das Sportliche. Die Art und Weise wie hier in den vergangenen Jahren Fußball gespielt wurde und wie wir es jetzt auch wieder zeigen. Das macht unheimlich Spaß. Das passt einfach zu meinem Verständnis vom Fußball. Darüber hinaus ist natürlich auch das Drumherum hier besonders: Ich habe schon nach kurzer Zeit gemerkt, wie der Verein nicht nur regional sondern auch überregional gelebt wird. Das imponiert mir wirklich.

Borussia hat sich nach dem Trainerwechsel von Lucien Favre zu André Schubert freigeschwommen. Auch Du wirkst auf dem Platz befreiter. War das Spielsystem von Lucien Favre zu kompliziert für Dich?

Natürlich war vieles für mich neu – das gilt aber auch für die anderen Neuzugänge. Es gab neue taktische Konzepte und neue Anforderungen an mein Spiel. Dennoch will ich unabhängig vom Trainer klarstellen, dass ich persönlich für meine Leistung verantwortlich war. Und die habe ich mir in dem einen oder anderen Spiel natürlich anders vorgestellt. Außerdem hatten wir als Mannschaft natürlich auch nicht den Anspruch, dass es so weiterlaufen konnte wie in den ersten fünf Spielen. Das haben wir dann auch so besprochen. Jetzt merkt man wieder, dass wir überzeugt sind, von dem was wir machen.

Das stimmt wohl. Granit Xhaka fragte sich deshalb zuletzt öffentlich, warum denn überhaupt ein neuer Trainer kommen solle. Ist André Schubert auch für dich der richtige Mann für den Cheftrainer-Posten?

Für diese Situation absolut. Dass wir drei Siege aus drei Bundesliga-Spielen holen, war jetzt nicht unbedingt zu erwarten. Wir kommen gut mit ihm klar, er bringt seine eigene Herangehensweise und seine eigene Art ein. Trotzdem glaube ich nicht, dass es mir zusteht, Urteile über den Trainer zu treffen. Das sollen die Verantwortlichen machen.

Die Mannschaft wirkt nicht nur auf dem Platz befreiter, auch die Verbindung zu den Fans scheint plötzlich viel enger zu sein. In Stuttgart seid ihr beispielsweise zum Zaun gekommen und habt mit den Jungs dort abgeklatscht. Wie kam es zu diesem Wandel?

Das ist kein Wandel. Wenn du viele Spiele verlierst und nicht die Leistung zeigst, mit der die Fans zufrieden sind, kannst du nicht in die Kurve gehen und dafür Applaus erwarten. Mein Grundsatz ist, dass sich immer gestellt wird – egal ob nach schlechten oder guten Spielen. Aber natürlich gehen wir nach Niederlagen nicht so euphorisch in die Kurve. Das ist auch für uns als Gruppe schwer. Natürlich willst du diese enge Verbindung zu den Fans nach der Sommerpause wieder aufbauen. Wenn du aber keine Ergebnisse holst und trotzdem in die Kurve marschierst und sagst ‚Super, alles toll‘, machst du dich ein bisschen unglaubwürdig.

Lars Stindl am Mittwoch beim Training. Er sagt: "Unter Favre gab es viele neue taktische Konzepte und neue Anforderungen an mein Spiel."
Lars Stindl am Mittwoch beim Training. Er sagt: “Unter Favre gab es viele neue taktische Konzepte und neue Anforderungen an mein Spiel.”

Havard Nordtveit und Raffael lobten die Fans zuletzt öffentlich. Du bist noch nicht so lange bei Borussia. Wie nimmst du die Fanszene wahr?  

Absolut positiv! Schon aus der Ferne betrachtet, hat Borussia einen sensationellen Support. Aber wenn man hier ist, merkt man das noch einmal richtig. Mein erstes Heimspiel und natürlich auch die Stimmung im ersten Champions-League-Spiel waren wirklich besonders. Ich bin allerdings auch ein Fan von Auswärtsspielen. Wenn du als kleine, geschlossene Gruppe gegen die Heimmannschaft kämpfst. Das habe ich jetzt schon sechsmal erlebt und es war wirklich geil. Wenn wir dann noch wie in Stuttgart tonangebend in diesem Kessel sind, macht das mir persönlich noch ein bisschen mehr Spaß.

Nimmst du denn im Spiel wirklich wahr, dass der Gladbacher Block gerade tonangebend ist?

Ja klar, ich merke das schon. Natürlich auch weil die Masse da ist und stimmgewaltig auftritt.

Was macht eine „aktive Fanszene“ aus deiner Sicht aus?

Für mich unterstützt eine aktive Fanszene in guten wie in schlechten Zeiten absolut den Verein – und daraus resultierend auch die Mannschaft. Eine aktive Fanszene steht für mich auch immer sinnbildlich für den Verein und charakterisiert ihn ein Stück weit. Sie ist nicht nur für die Choreos zuständig, was die Leute immer wahrnehmen, sondern für viel mehr: Die Eingliederung von Fans, die Organisation von Fahrten und Tickets oder auch die Beziehung von Mannschaft und Fans. Bestenfalls immer im Dialog mit dem Verein.

Mal ganz ehrlich: Interessiert der Kampf unserer aktiven Fanszene gegen überzogene Sanktionen von Verbandsseite oder gegen die Personalisierung von Karten die Spieler überhaupt?

Natürlich. Wir merken es ja samstags im Stadion und sind irgendwie ja auch die Leidtragenden. Denn auch wenn es schwierig für alle ist, fällt der Konflikt von DFB/DFL und Fans am Ende auf die Mannschaft zurück. Wir wissen zwar, dass für euch ein Boykott die größtmögliche Stimme ist und akzeptieren das. Aber natürlich wünschen wir es uns anders.

Wie hast du das Derby und den Boykott wahrgenommen?

Im Stadion selber war es seltsam, es kam keine Derby-Atmosphäre auf. Irgendwie hatte ich auch das Gefühl, dass sich das Spiel dieser Atmosphäre anpasst. Das war ein klassisches 0:0-Spiel. Dass wir das am Ende verlieren, ist total unglücklich. Natürlich haben wir uns dann danach auch mal unterhalten und uns noch einmal mit eurer Fan-Sicht beschäftigt. Das war vielleicht gar nicht so schlecht für den einen oder anderen, der das nicht so kennt. Für uns war nach dem Derby jedenfalls klar, dass wir das wieder in die richtige Richtung lenken wollen.

Wir haben hier in Deutschland neue Stadien, ein besonderes Wechselspiel von Auswärts- und Heimfans und eine tolle Stimmung. Das sind einmalige Grundwerte und da müssen wir irgendwie sehen, dass wir diese beibehalten.

Zurück zu aktiven Fans. Viele Anhänger kritisieren den zunehmenden Kommerz im Fußball. Wie siehst du das: Darf ein potenter Werbepartner tatsächlich wichtiger als die Identität des Vereins sein?

Das ist eine ganz gefährliche Frage (grinst). Natürlich muss man sich den Gegebenheiten des heutigen Fußballs anpassen. Das heißt: Wettbewerbsfähig sein – vor allem im Hinblick auf den englischen Fußball. Darunter sollte aber nicht die Fankultur leiden. Wir haben hier in Deutschland neue Stadien, ein besonderes Wechselspiel von Auswärts- und Heimfans und eine tolle Stimmung. Das sind einmalige Grundwerte und da müssen wir irgendwie sehen, dass wir diese beibehalten. Irgendwie macht es das ja auch aus, Fußball-Bundesliga zu spielen.

Dennoch suchen viele Fußballer schnell das weite, wenn auf der Insel mit den fetten Scheinen gewunken wird…

Wir gehen da langsam in eine Dimension, die nicht mehr zu greifen ist. Das ist schon gefährlich. In der Bundesliga fahren wir da in meinen Augen aber noch ganz gut. Es gibt sehr viele gut bezahlte Fußballer hier und eben diese Grundwerte der Liga. Es ist nur wichtig, dass daran festgehalten wird.

Viele Fans kritisieren bei der Diskussion um die Konkurrenzfähigkeit der Liga DFB und DFL – zum Beispiel bei der weiteren Aufsplittung des Spieltages…

Sind wir doch mal ehrlich: Es gab für mich zwischen zehn und 18 Jahren nichts Größeres als am Samstagsnachmittag Bundesliga zu gucken. Fußball ist Samstag, 15.30. So geht es ganz Deutschland. Ich weiß nicht welcher Stellenwert noch bleibt, wenn wir dieses Alleinstellungsmerkmal weiter kaputtmachen.

In Gladbach wurde rund um den Derby-Boykott die gute Kommunikation zwischen Verein und Fans gelobt. Du hast es in Hannover auch schon mitbekommen, dass ein Verein an diesem fehlenden Dialog fast zerbrochen wäre. Versucht man als Spieler mitzureden oder zwischen Spielern und Fans zu vermitteln?

Oh ja, das haben wir viel gemacht! Ich habe letztes Jahr wirklich eine schwierige Zeit erlebt. Die Fans hatten ihre Gründe, der Profimannschaft den Rücken zu kehren. Ich habe da viel gesprochen – mit den Verantwortlichen im Verein, aber auch mit Vertretern der Fanszene. Wir waren im ständigen Austausch. Irgendwann sind dir als Spieler aber die Hände gebunden. Du kannst Entscheidungen des Vereins nicht beeinflussen. Ich habe versucht, bestmöglich zu vermitteln, weil am Ende die Mannschaft darunter leidet. Das haben wir leider erst am Ende der Saison so richtig hinbekommen.

Kommen wir noch einmal zurück zu Dir persönlich. Die Süddeutsche Zeitung titelte im April über Dich „Der namhafteste Namenlose“. Das musst Du uns erklären!

Ich habe diesen Artikel mal zugeschickt bekommen. Wenn ich mich recht entsinne, wurde darauf hingewiesen, dass ich eigentlich kein so schlechter Kicker bin, aber in Deutschland zu dem Zeitpunkt noch kein großer Begriff war.

Genau. Der Autor schrieb: „Null Länderspiele, aber bei fast allen Spitzenklubs begehrt: Lars Stindl ist ein Profi für den zweiten Blick. Ein Spieler, den alle wollen, aber nur wenige kennen.“ Bist Du schwer zu durchschauen?

Nein, das glaube ich nicht. Ich bin eigentlich ein sehr offener Mensch, kann mich auch in der Gruppe ganz gut einfügen. Ich habe noch viele Kontakte zu meinen alten Kollegen, auch noch viele Kontakte zu noch älteren Kollegen.

Lars Stindl im Interview: "Unser Geschäft wird immer schnelllebiger, viele Spieler sind nur noch wenige Jahre bei einem Verein. Da ist es schwierig, sich über einen längeren Zeitraum zu verstehen und zu verständigen."
Lars Stindl im Interview: “Unser Geschäft wird immer schnelllebiger, viele Spieler sind nur noch wenige Jahre bei einem Verein. Da ist es schwierig, sich über einen längeren Zeitraum zu verstehen und zu verständigen.”

Wie wichtig sind Dir solche Freundschaften?

Ganz wichtig! Ich habe noch viel Kontakt zu Familie und Freunden in meiner Heimatstadt, obwohl ich mit 20 von Zuhause ausgezogen bin. Ich sehe den harten Kern regelmäßig, gerade in den Länderspielpausen. Darüber hinaus habe ich über die Jahre auch im Fußball enge Freundschaften geknüpft, was übrigens sehr schwierig ist. Ich bin froh, dass ich mit dem einen oder anderen noch so engen Kontakt habe und wir uns noch ab und zu treffen.

Warum ist es so schwierig im Fußball Freundschaften zu knüpfen?

Du hast über eine kurze Zeit sehr intensiv Kontakt, fast jeden Tag. Aber in den vergangenen Jahren hat die Fluktuation in einem Verein immer weiter zugenommen. Ich bin jetzt zum Beispiel fünf Jahre aus Karlsruhe weg. Und der KSC ist komplett anders aufgestellt als noch zu meiner Zeit. Unser Geschäft wird immer schnelllebiger, viele Spieler sind nur noch wenige Jahre bei einem Verein. Da ist es schwierig, sich über einen längeren Zeitraum zu verstehen und zu verständigen.

Hast Du bei Borussia schon eine wichtige Bezugsperson – einen Freund – gefunden?

Ich bin auf dem Zimmer mit Tobi Sippel – auch wenn ich mir als Badener vor zehn Jahren nie hätte vorstellen können mit einem Pfälzer auf dem Zimmer zu sein (lacht). Wir verstehen uns ganz gut, auch privat. Natürlich verstehe ich mich aber auch mit den anderen Jungs. Es wäre jetzt schade einen herauszuheben. Wir haben eine richtig gute Truppe.

Letzte Frage, mit einem kleinen Augenzwinkern. Du bist nach Christoph Kramer der zweite Spieler, den wir länger interviewen. Kramer ist damals am Ende der Saison Weltmeister geworden. Ist die EM 2016 oder die Nationalmannschaft ein Ziel für Dich?

Das wird schwierig. Wenn du in die Bundesliga kommst, träumt natürlich jeder Spieler mal davon, in die Nationalmannschaft zu kommen. Das ist das Größte überhaupt. Aber jetzt kann ich das schon sehr realistisch einschätzen und sehe, auf welchen Positionen ich spielen könnte. Da ist eine enorme Qualität und Quantität vorhanden. Es wird schwer für mich da noch mal reinzukommen. Aber das ist auch überhaupt kein Problem für mich. Ich bin sehr zufrieden mit meinem bisherigen fußballerischen Leben und glaube, dass ich schon viel aus meinem beschränkten Talent gemacht habe (grinst).

Alle Fotos zu diesem Beitrag: MitGedacht.

Ein Gedanke zu „Lars Stindl im Interview: “Fußball ist Samstag, 15.30!”

  • 16. Oktober 2015 um 20:35
    Permalink

    Danke an beide Seiten für das tolle Interview!
    Als Zehn bis Sechszehnjähriger war zu meiner Zeit (bin 53 Jahre alt) Fussball Bundesliga am
    Radio das Schönste überhaupt,Samstags 15:30
    Ein Satz noch zum Nachdenken:Was ist mit den Fans,die im Einzelhandel tätig sind.
    Wenn es nur Samstags Bundesliga gäbe,schauen wir ganz schön in die Röhre!

    Schöne Grüße an Alle,die Rute im Herzen

    Gerd Thönnissen

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