Interview: „Wir können Zehnter werden und sind zufrieden“

Während unserer gemeinsamen Studienzeit in Lyon verbrachten wir Stunden damit über die weite Welt des Fußballs zu philosophieren. Diesmal grenzen wir die Sphäre etwas ein und diskutieren über die aktuelle Situation bei unserem heutigen Gegner VfB Stuttgart. Marco Höhn, Tübinger Student sowie glühender VfB-Anhänger und Dauerkarteninhaber, erklärt uns, warum er als „normaler Zuschauer“ seinen „neuen“ VfB immer mehr schätzen lernt – und warum die Meinung über Kevin Großkreutz eigentlich nur eine Frage der Perspektive ist.

MitGedacht.: Marco, wie fühlt es sich als leidgeprüfter VfB-Anhänger in der aktuellen Situation an?

Marco: Eigentlich könnte ich mich sehr über die Niederlage am Samstag aufregen, aber ich bin zufrieden, dass wir uns momentan in einer Ausganslage befinden, in der wir uns auch mal Niederlagen erlauben können. Das war lange nicht mehr der Fall.

Dennoch erinnerte das Spiel teilweise an die Spiele unter Zorniger: vorne nur Fahrkarten und hinten offen wie ein Scheunentor.

Das trifft nicht ganz zu. Der VfB war gegen Hannover zwar klar überlegen, es gab auch Chancen en masse – alles irgendwie wie zum Anfang der Saison. Nur laufen wir mittlerweile nicht mehr dumm drauf, sondern können trotz Offensivbemühungen anständig verteidigen. Beide Treffer resultierten auch aus Standards heraus und nicht aus einem schlecht verteidigten Gegenangriff.

Der Blick auf die Tabelle verrät, dass der VfB nun auf Position 12 angekommen ist. Was denkst Du ist diese Saison noch alles drin?

Die Bundesliga ist aktuell in allen Bereichen interessant. Gut, oben sind die beiden Teams weg. Aber im Mittelfeld befinden sich Mannschaften wie Köln, Hamburg und auch der VfB, die mit zwei, drei Siegen schnell wieder um Europa kämpfen könnten. Bei aller Träumerei ist aber das Wichtigste: für mich als Stuttgarter ist die akute Abstiegsangst grad vorbei – und das ist wunderbar.

Klingt nach einem soliden Grundgedanken, der zu Saisonbeginn aber noch ganz anders zu vernehmen war. Mit dem neuen Coach wollte man offenbar auch die Gier nach alten Erfolgen wecken.

Als Alexander Zorniger vorgestellt wurde signalisierte das in und um Stuttgart einen Aufbruch. Ein waschechter Schwabe, eine konkrete Spielidee und auch ich dachte: Das Konzept ist toll, der Trainer ist klasse – endlich können wir wieder angreifen und an die guten alten Zeiten anknüpfen. Allerdings wurde dabei ganz vergessen, dass wir mehrere Jahre gegen den Abstieg gespielt haben.

Dieses positive Grundgefühl war aber schnell verflogen und es schien rund um den Verein sehr ungemütlich zu werden. Was war der Grund dafür?

Es war von Vornherein das Konzept von Robin Dutt, gemeinsam mit Zorniger auf die Jugend zu bauen. Doch mit den ersten Niederlagen machte sich Ernüchterung breit. Und dann kam auch das größte Problem des Trainers zu Tage, denn er war stur und verhielt sich einfach unprofessionell gegenüber den Medien. Außerdem stellte er Spieler wie Timo Werner oder Georg Niedermeier öffentlich an den Pranger. Da ging dann einfach die Identifikation mit dem Coach flöten – sowohl bei den Fans als auch beim Team. Wenn ich mir anschaue, wie lustlos beispielsweise ein Kostic unter Zorniger über den Platz schlich, dann ist das bezeichnend.

Spielerisch besinnt man sich – salopp gesprochen – mittlerweile auf das was man kann. Die Mannschaft wirkt dadurch gefestigter und das liegt meines Erachtens in erster Linie am neuen Coach.

Mit dem neuen Coach Kramny kam auch der Erfolg zurück. Was macht er anders?

Zunächst einmal mussten wir irgendwann mal wieder Spiele gewinnen – das konnte ja nicht ewig so weitergehen. Dann kam mit Jürgen Kramny ein Trainer zur Mannschaft, der im Gegensatz zu Zorniger eher beruhigend wirkt. Sowohl auf Spieler als auch auf das Umfeld. Spielerisch besinnt man sich – salopp gesprochen – mittlerweile auf das was man kann. Die Mannschaft wirkt dadurch gefestigter und das liegt meines Erachtens in erster Linie am neuen Coach.

Noch einmal zurück zur Erwartungshaltung. Aus der Ferne betrachtet ist die Stuttgarter Anhängerschar sehr launisch. Läuft es gut, geht die übertriebene Träumerei los – läuft es schlecht beschwert sich jeder und mal den Teufel an die Wand. Ist das ganz exklusiv ein Problem der „schwäbischen Mentalität“?

Grundsätzlich würde ich behaupten, dass die Probleme von– ich sage mal – großen Traditionsvereinen in der Erwartungshaltung an den jeweiligen Club liegen. Einfach an dem Standard, die aus den Erfolgen in der fernen Vergangenheit heraus resultieren. Vielleicht liegt das im Speziellen bei uns auch ein klein wenig an der schwäbischen Mentalität, das will ich gar nicht abstreiten. Allerdings sind die Erinnerungen an die legendäre CL-Abende und Siege, wie in den Partien gegen Manchester United noch sehr frisch. Darauf folgte 2007 noch der unerwartete und viel umjubelte Meistertitel. Daran wird sich festgehangen. Es kam viel Geld in den Verein und Eigengewächse wurden internationale Spitzenspieler. Und die Leute denken sich danach einfach: „Davon müsste doch auch noch etwas übrig sein“. Auf die Meisterschaft folgte jedoch sportlicher Misserfolg. Es kamen falsch getätigte Transfers oder die Truppe wurde einfach von schlechten Trainern betreut.

Welche Auswirkungen hatte diese Durststrecke für das „gemeine“ Stuttgarter Fanherz?

Vor allem hat sich die Stimmung im Fanlager – auch bei Ultras – gedreht. Das gipfelte damals in einer Busblockade nach einem verlorenen Heimspiel, als sich die Szene formierte und Schlachtengesänge, wie „Wenn ihr absteigt, schlagen wir euch tot“ gesungen wurden. Das war für Club und alle Fans, auch für mich als normalen Stadiongänger ohne Szenezugehörigkeit, einfach eine schwierige Zeit.

Wie schaut es heute aus?

Seither hat sich auch bei den Fans Vieles zum Positiven gewandelt. Symptomatisch war eine Szene im Anschluss an ein Heimspiel gegen Dortmund im Februar 2015: Der junge Baumgartl machte gravierende, spielentscheidende Fehler. Allerdings wurde der Spieler nicht an den Pranger gestellt, sondern in der Kurve aufgemuntert. Die Leute machten ihm Mut. Es schien wie ein Schulterschluss zwischen Mannschaft und Fans. Und diese neue, enge Beziehung hinterlässt Eindruck – egal ob in guten oder in schlechten Zeiten.

Kommen wir noch einmal auf die aktuelle sportliche Situation zu sprechen: gerne und schnell wird bei Euch von Europa gesprochen, das haben wir eben diskutiert. Doch mit Platz 12 scheint der Club – gemessen an den allgemeinen Ansprüchen – im Mittelmaß zu versinken. Ein Trugschluss?

Klar, wir sind eine Mittelklassemannschaft, allerdings hört sich das per se erst einmal negativ an. Doch mittlerweile hat sich einiges geändert. Wir können Zehnter werden und sind jetzt einfach zufrieden. Und wenn man bedenkt „wo wir herkommen“, kann man aktuell auch mit einem Mittelfeldplatz voll und ganz zufrieden sein. Und es ist ein Ziel, an dem man sich festhalten kann. Darüber hinaus ist der Verein intern einfach gut aufgestellt.

Spieler aus der eigenen Jugend sind einfach der Schlüssel für langfristigen Erfolg. Auch wenn viele Vereine in der Bundesliga immer noch den kurzfristigen Erfolg für den Vielversprechendsten halten, bin ich froh, dass man in Stuttgart so agiert.

Klär uns auf. Was meinst Du damit?

Es wird vor und hinter den Kulissen an einer langfristigen Zukunftsinitiative gebastelt, unter anderem auch mit einer groß angelegten Mitgliederbefragung. Erst am letzten Wochenende trafen sich Akteure aus und um unseren Verein zu einer Zukunftswerkstatt, in der gemeinsam der neue Weg diskutiert werden soll und sich Fans aktiv beteiligen können. Ich halte das für eine wunderbare Idee und ein wunderbares Vorhaben, was Erfolg verspricht, aber nicht unbedingt garantiert. Dennoch ist es der richtige Weg.

Der da unter anderem heißt: Jugendarbeit?

Exakt. Spieler aus der eigenen Jugend sind einfach der Schlüssel für langfristigen Erfolg. Auch wenn viele Vereine in der Bundesliga immer noch den kurzfristigen Erfolg für den Vielversprechendsten halten, bin ich froh, dass man in Stuttgart so agiert. Daniel Didavi ist da ein gutes Beispiel. Er war lange verletzt, doch der Club hat an ihm festgehalten. Jetzt macht er in unserem Spiel einfach den Unterschied. Wir haben mit Maxim auf einer identischen Position ebenfalls einen sehr guten Spielgestalter, aber Didavi ist einfach torgefährlich. Eine Verlängerung mit ihm als Identitätsfigur wäre vor allem für uns Fans ein überragendes Zeichen.

Klingt nach einem sinnigen Weg…

Ja. Und die Jugendarbeit hat beim VfB Tradition. Seit den jungen Wilden mit Kuranyi, Hleb oder auch Hinkel zeigt sich: die Jugendarbeit ist eigentlich gut. Und ich muss auch sagen, dass bei jeder anderen Bundesligamannschaft junge Spieler einen zentralen Teil des Mannschaftsgefüges ausmachen. Außerdem wird bei Neuverpflichtungen nun mehr im Jugendbereich angesetzt. Wenn wir eventuell Verstärkungen für die eine oder andere Position suchen, dann setzt sich Robin Dutt zunächst einmal mit allen Bereichen aus der Jugendabteilung zusammen. Dabei wird geschaut, ob wir nicht schon jemanden im Verein haben, der langfristig die Position übernehmen kann. Das ist auch finanziell gesehen natürlich ein wichtiger Faktor.

Du sprachst die Finanzen eben an. Wo sind denn die Gomez- und Khedira-Millionen, das Geld aus erfolgreichen Zeiten, geblieben?

Wir sind es schon seit Jahren gewohnt, dass wir Spieler abgeben müssen, wenn ein anderer Verein genug Geld auf den Tisch legt. Doch mittlerweile stellt eine ganze neue Frage: Wie gehen wir vor allem sinnig mit dem neuen Geld um? Es gibt leider genügend Negativbeispiele, die zeigen, dass in der Vergangenheit oftmals ins Klo gegriffen wurde. Wir haben mal gefühlt die „halbe Bank“ von Hannover 96 gekauft. Doch die Herren Rausch, Haggui und Abdellaoue brachten nicht die gewünschte Leistung. Auch im aktuellen Kader sind es vor allem die alten Bobic-Verträge, wie sie ein Ibisevic hatte oder ein Martin Harnik heute noch besitzt, finanziell ein Problem. Wenn solche wegfallen, dann würde das die Kaderkosten etwas entspannen. Ein Abgang von Didavi ist allerdings von einer ganz anderen Bedeutung und täte uns sportlich weh.

Kommen wir von potentiellen Abgängen mal zu Neuzugängen. Zurzeit sorgt mit Mittelfeldmann Lukas Rupp auch ein Ex-Gladbacher für Furore und spielt groß auf. Am Niederrhein rieben wir uns verwundert die Augen, hatte man ihm eine solche Leistungssteigerung nicht zugetraut. Wie schätzt Du ihn ein?

Die Verpflichtung Rupps halte ich für einen tollen Transfer und ich bin sehr froh, dass wir ihn verpflichten konnten. Wenngleich zu Saisonbeginn niemand das Potential hat abschätzen können. Er spielt konstant gut und ist flexibel einsetzbar. Ich bin gespannt, wie er sich entwickeln wird. Diese Verpflichtung zeigt, dass wir auf einem richtigen Weg sind und auch Robin Dutt macht diesbezüglich einen ordentlichen Job.

Robin Dutt ist ein gutes Stichwort. Nach seiner kleinen Reise über den Schreibtisch vom DFB zum Spielfeldrand bei Werder, kehrte er nun wieder in eine Funktionärsposition zurück. Wie stehst Du, wie stehen die Anhänger des VfB zum Sportdirektor?

Robin Dutts Verpflichtung war sicher zunächst schwierig, aber bei genauerer Betrachtung liegen all die negativen Berichte vor allem in seiner Trainertätigkeit begründet. Daher sollte meiner Meinung nach das Ganze auch getrennt und differenziert betrachtet werden. Für uns Fans vermittelt er vielmehr den Eindruck, dass er eine Idee hat, die er ehrlich und sachlich kommuniziert. Das ist viel Wert in Stuttgart. Bei Transfers hat er das Beste aus seinen Möglichkeiten gemacht. Die anfängliche Skepsis ist auch verflogen. Und er hat einen Bonus: er kommt aus der Region.

Dennoch glaube ich, dass es immer eine Frage der Perspektive ist und da hat er mit Robin Dutt etwas gemeinsam: egal welcher Ruf die Person außerhalb des VfB hatte oder hat – sportlich passt es aktuell einfach gut zu uns.

Einen Transfer-Coup landetet Dutt in der Winterpause. Seit Jahresbeginn kickt ein in Gladbacher äußerst unbeliebter Zeitgenossen in der schwäbischen Metropole: Kevin Großkreutz. Welchen Eindruck haben die VfB-Fans vom Ur-Dortmunder?

Großkreutz polarisiert. Wie er sich gibt, seine Skandale, sein Auftreten vor der Presse oder in sozialen Netzwerken – all das polarisiert. Doch das hat er auch schon zu BVB-Zeiten gemacht. Aber ich muss ganz klar sagen, wenn so jemand in Deinem eigenen Team spielt, wird er Kult. Und auch bei uns beim VfB könnte er das werden. Er zeigt auch, dass er sich 90 Minuten und mehr den Arsch für den VfB aufreißt. Mit solchen Typen können wir uns identifizieren.

Wäre in Gladbach allerdings kaum vorstellbar. Dennoch bringt er offensichtlich auch sportliche Qualität in den Kader.

Fußballerisch liefert er ab, er rackert sich auf der Außenbahn zu Tode und ist taktisch sehr clever und abgezockt. Ich kann das nur befürworten, auch wenn es sich noch absurd anhört, dass ein Kevin Großkreutz jetzt das VfB-Trikot trägt. Dennoch glaube ich, dass es immer eine Frage der Perspektive ist und da hat er mit Robin Dutt etwas gemeinsam: egal welcher Ruf die Person außerhalb des VfB hatte oder hat – sportlich passt es aktuell einfach gut zu uns.

Lieber Marco, vielen Dank für Deine Zeit und das spannende Gespräch.

Foto zu diesem Beitrag: nordkurvenfotos.de

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