Perfekter Interimstrainer – oder mehr?

Auf den Tag genau drei Wochen ist André Schubert Interimstrainer. Langweilig waren diese drei Wochen bestimmt nicht, zu groß war der sportliche Druck – der Terminkalender bot keine Möglichkeit zum Durchatmen. Die Länderspielpause ist jetzt die Möglichkeit das Ganze zu verarbeiten und sich nach drei Wochen in Ruhe mit dem Trainer zu beschäftigen.

Als Ende der letzten Saison verkündet wurde, dass André Schubert dem U-23 Dauertrainer Sven Demandt nachfolgen würde, waren nicht wenige überrascht. Schubert gilt deutschlandweit als Trainertalent mit ausgezeichneten Noten im Fußballlehrer-Lehrgang und ist spätestens seit dem Film “Trainer” von Aljoscha Pause mehr als ein Geheimtipp – obwohl in diesem Film auch sein Scheitern beim Kiez-Klub St. Pauli dokumentiert wurde. Dieser André Schubert entschied sich trotz besserer Angebote für einen Regionalligisten, noch dazu eine Reservemannschaft, die immer im Schatten der ersten Mannschaft steht und in nicht wenigen Vereinen abgeschafft wurde.

Nun gehört Borussia sicherlich zu den Profi-Vereinen, in denen die Bedeutung der zweiten Mannschaft vergleichsweise groß ist. Außerdem ist der gesamte Verein aufgrund der Entwicklung in den letzten Jahren zum attraktiven Arbeitgeber geworden. Dieser Status zeigt sich eben nicht nur auf dem Spieler-Transfermarkt, sondern hat auch Auswirkungen auf jegliche Positionen im Verein. Vor kurzem deutete Max Eberl an, dass der Verein mit Schubert von Anfang an den Plan hatte, einen Trainer zu entwickeln. Vielleicht plante Eberl ja tatsächlich, sich langfristig den potentiellen Nachfolger für den perfekten Trainer Lucien Favre heranzuziehen. Durch Favres Rücktritt wurde dieser Plan einige Jahre früher Realität als vermutlich gewünscht.

Favres Aufbau erfolgte sukzessive

Lucien Favre hat dem Spiel seinen eigenen Stempel aufgedrückt. Er ist einer der wenigen Trainer in der Bundesliga, der für eine komplett eigene Spielphilosophie steht, was ihm am Ende vielleicht auch zum Verhängnis wurde. Angefangen mit einer stabilen Abwehr, der Basis des Relegationswunders, entwickelte Favre seine Vorstellungen vom idealen Fußball kontinuierlich weiter. Die nächste Stufe war blitzgescheiter Konterfußball, gefolgt von geduldigem Ballbesitzfußball gepaart mit variablem, engmaschigem Pressing auf dem ganzen Platz.

Der große Vorteil: Favres Aufbau erfolgte sukzessive. Trotz der Abgänge wichtiger Spieler verlernte der Großteil der Mannschaft die vorherigen Schritte nie. Nur so konnte das Team letztlich alle Spielstile vereinen. Sie war in der Lage vorne zu pressen aber auch ein Abwehrbollwerk aufzuziehen. Trotz Ballbesitzfußball waren auch die Konter immer gefürchtet. Die Variabilität machte das Spiel für die Gegner schwer berechenbar. Alles in allem brachte diese Philosophie Erinnerungen an den Mythos “Fohlenelf” zurück und beschertem dem Verein die erfolgreichsten Jahre seit den glorreichen 70-er Jahren, gekrönt durch die beste Rückrunde der Vereinsgeschichte und die Qualifikation für die Königsklasse.

Allerdings wuchsen die Anforderungen auch stetig, was einerseits die Integration von Neuzugängen aber auch den Ersatz von Führungsspielern erschwerte. Diese beiden Probleme waren zwei Hauptgründe für den Teufelskreis, der Anfang der Saison entstand und mit Favres Rücktritt endete – samt gleichzeitiger Inthronisierung Schuberts.

Schubert drehte den Spieß um

Die größte Leistung Schuberts ist es wohl, dass die Mannschaft so schnell wieder Selbstvertrauen tankte. Ein wichtiger Faktor dafür war, dass der Interimstrainer den deutlich verunsicherten Spielern Fehler zugestand und das Pressing wieder weiter nach vorne verlagerte. Krisenbedingt hatte der Perfektionist Favre die Mannschaft immer defensiver eingestellt. Auf diese Weise sollten Fehler vermieden werden. Schubert drehte den Spieß um. Nur so kamen die wahnsinnigen ersten 20 Minuten gegen Augsburg zustande. Der Fußball, der die Mannschaft in den letzten Spielen so erfolgreich machte, trägt zwar die klare Handschrift von Lucien Favre. Andre Schubert hat ihm aber zusätzlich seinen Stempel aufgedrückt.

Die Tatsache, dass der Übergang so perfekt funktionierte, ist allerdings auch einem anderen Umstand geschuldet. Borussia verfügt über ein sehr gutes Team in der (vermeintlich) zweiten Reihe. Auch Frank Geideck, Manfred Stefes und Uwe Kamps haben mit Sicherheit einen erheblichen Teil am Erfolg der vergangenen Wochen. Schon Favre hatte immer betont, wie zufrieden er mit diesem Trainerteam war. Jeder hat noch die Bilder des letzten Spieltages der vergangenen Saison in Erinnerung, als er nur mit seinem Team zusammen in die Kurve kommen wollte.

Die aktuelle Situation hilft Max Eberl

Nun betonte auch Schubert während seinen ersten Tagen als Chef immer wieder, dass er den Austausch mit dem Trainerteam suche. Geideck, Stefes und Kamps kennen Favre und den Fußball, der Borussia zum Erfolg verhalf, aus der täglichen Trainingsarbeit der zurückliegenden viereinhalb Jahre. Ohne Schuberts Anteil schmälern zu wollen: Die zweite Reihe hat durch ihr Vorwissen einen erheblichen Teil daran, dass die Mannschaft in die Spur zurück fand.

Doch wie geht es nun weiter? Nach drei Siegen würden auch wir es nicht unbedingt verstehen, wenn jetzt ein neuer Trainer installiert werden würde. Die aktuelle Situation hilft Max Eberl dabei, mit noch mehr Ruhe und Sorgfalt einen neuen Trainer auszuwählen. Vielleicht denkt er auch bald über Schubert als Dauerlösung nach, was mit Sicherheit eine interessante Möglichkeit wäre. Sowohl die Auftritte der Mannschaft als auch seine eigenen Auftritte in Interviews zeigen, dass Schubert die Fähigkeiten hat einen Bundesligaverein zu trainieren. Außerdem bedient er nach außen ein bisschen das Gegenteil von Lucien Favre: extrovertiert und offen. Das öffentliche Abfeiern eines grünen Pullovers ist das beste Beispiel, dass diese Art ankommt. Es ist ja bekannt, dass man sich nach einer langen Zeit nach Eigenschaften sehnt, die man vorher nicht hatte.

Doch Eberl muss bei seiner Trainersuche viel mehr beachten. Er sucht einen Trainer, der seine eigene Vorstellung vom Fußball mitbringt. Einen Trainer, der einen Plan hat und mit diesem Plan zum Verein Borussia Mönchengladbach passt. Einen Trainer, der eine Mannschaft entwickeln kann so wie Lucien Favre es ideal vorgemacht hat.

Der perfekte Mann für den Übergang?

Niemand kann zum jetzigen Zeitpunkt sagen, ob Schubert diese Kriterien erfüllt. Er lebt momentan viel von der Vorarbeit und seinem Trainerteam. Die Spieler wissen genau, welche Laufwege sie gehen und wie sie sich taktisch zu verhalten haben. Vermutlich ist Schubert mit seiner Art deshalb der perfekte Mann für den Übergang und bietet Eberl die nötige Ruhe, einen Trainer mit einem geschärften Profil auszuwählen. Vielleicht kann Schubert seinen Chef aber auch mit der Zeit davon überzeugen, dass er die Mannschaft weiterentwickeln und seine eigenen Vorstellung vom Fußball einbringen kann.

Der große Vorteil der Borussia ist aus unserer Sicht, dass wir als Fans uns keine großen Gedanken machen müssen. Natürlich ist es immer spannend, mit einem Alt am Stammtisch über mögliche Kandidaten zu debattieren. Die Verantwortlichen im Verein und allen voran Max Eberl haben aber in der Vergangenheit gezeigt, dass sie solche Fragen mit absoluter Ruhe und Sorgfalt lösen. Und der sportliche Erfolg gibt ihnen Recht.

Wir Fans können Eberl vertrauen. Egal welche Entscheidung er trifft: Eberl wird seine Gründe haben. Wir sind in der glücklichen Situation, dass wir im Moment alles für die Mannschaft geben können und einen Interimstrainer haben, der in der aktuellen Situation perfekt passt. Alles andere wird sich in den nächsten Wochen und Monaten zeigen.

Foto zu diesem Beitrag: torfabrik.de

Ein Gedanke zu „Perfekter Interimstrainer – oder mehr?

  • 15. Oktober 2015 um 11:53
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    So schön und romantisch es auch klingen würde, wenn Max Eberl Andre Schubert zum dauerhaften Nachfolger von Lucien Favre bestimmt, so wenig gehe ich davon aus. Der Artikel zeigt nämlich die Sachen auf die sich Max Eberl vom neuen Trainer erhofft, nämlich dass er eine Mannschaft kontinuierlich und über Jahre hinweg verbessert, so wie es Favre getan hat. Man darf nicht vergessen, in welche Fußstapfen dort jemand tritt, in 4 Jahren vom Relegationsplatz in die Champions League, mit 2 weiteren Europapokalteilnahmen, da haben viele Trainer deutlich weniger vorzuweisen.
    So wie ihr es im Artikel andeutet hat Eberl Schubert dazugeholt, da er wirklich große Stücke auf ihn hält, ihn jedoch noch nicht fertig sah. Immer wieder kam Favre mit Rücktrittsäußerungen, hier musste man für den Worst Case der dann eintrat gewappnet sein. Die Frage wird nur sein, wie lange geht das Interimstraineramt gut. Was ist wenn Schubert nun 4 mal in Folge verliert? Werden dann die Stimmen laut wieso wir nicht schnell genug einen erfahrenen Trainer holen können? Was wenn wir uns so steigern können, dass wir die Qualifikation für den Europapokal schaffen und der neue Trainer mit dieser Hypothek des Erfolges von André Schubert anfangen muss, wird dieser wenn er so einen Erfolg vorweisen kann, wirklich wieder ins zweite Glied zurück gehen oder sein Glück woanders versuchen. Mit Max Eberl möchte man im Moment wirklich nicht tauschen, jedoch hoffe ich so wie es hier auch geschrieben wurde, dass er es schafft aus der Situation die beste Lösung zu finden.

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