“Wozu die Aufregung?”

„Wer sich anständig benimmt, der hat doch nichts zu befürchten.“ Das stimmt möglicherweise, es rechtfertigt die Maßnahmen beim kommenden Derby in Köln jedoch keineswegs. Vielmehr ist das angestrebte Vorhaben ein Angriff auf unsere Fankultur. Ein Kommentar.

Es gibt Sachen, die für uns zum Fußball nicht dazu gehören. Gewalt, Rassismus und Ausgrenzung haben in unserem Sport nichts zu suchen! Sie sind kein Bestandteil der Fankultur! Ausfällen dieser Art muss entgegengewirkt werden. Dazu wurden in den letzten Jahren immer mehr sozialpädagogische Fanprojekte geschaffen. „De Kull“ ist das Gladbacher Beispiel für diese notwendige und positive Entwicklung. Sozialarbeiter versuchen, im Rahmen dieser Fanprojekte, alles um eine bunte und vielfältige Fankultur zu erhalten. Sie treten mit den Fans in Dialog, begleiten sie auf Auswärtsfahrten und beraten oder vermitteln in Konfliktsituationen mit Ordnungsdiensten, Polizei oder Vereinen. Sie bieten aber auch einen Rahmen, in dem Fans sich untereinander helfen können. Einen Rahmen, in dem Jugendliche und junge Erwachsene eigenverantwortlich Fahnen malen, Auswärtsfahrten planen oder Diskussionen rund um den Fußball und seine gesellschaftlichen Begleiterscheinungen führen können.

Über den Fußball werden ungeahnte Potentiale aktiviert. Wer gesehen hat, wie Jugendliche die „De Kull“-Räumlichkeiten renoviert, gestrichen und dekoriert haben, der weiß das Ganze einzuordnen. Hier wird unter anderem vermittelt, dass Verallgemeinerungen nie zielführend sind. Polizei, Ordnungsdienste und Verbände sind nicht per se zu verteufeln. All das versuchen Sozialarbeiter täglich zu vermitteln. Die Auflagen, unter denen das Derby stattfinden soll, torpedieren diese Arbeit. Außerdem kosten sie eine Menge Geld, die besser in die präventive Sozialarbeit fließen könnte.

Kollektivstrafen widersprechen unserem Rechtsgedanken

Die Bestrafung von tausenden Anhängern, aufgrund des Verhaltens von 20-30 Personen, ist eine Kollektivstrafe. Kollektivstrafen widersprechen unserem Rechtsgedanken und sind nicht zu akzeptieren. Sie stellen Fußballfans und ihre Kultur unter einen Generalverdacht. Viele fühlen sich, aus unserer Sicht zurecht, in eine Ecke gedrängt und kriminalisiert.

Viele habe natürlich nichts zu befürchten aufgrund der Personalisierung. Die meisten haben sich nämlich nichts zu Schulden kommen lassen. Weder beim letzten Derby noch bei einem anderen Spiel. Daher würde niemand etwas zu beanstanden haben, wenn diese Leute eine Karte für das Derby bekämen. Geben wir doch einfach unseren Namen, unsere Adresse und unser Geburtsdatum weiter und willigen ein, dass die Polizei jederzeit darauf zugreifen kann. Am Spieltag halten wir dann einfach ein Ausweisdokument parat, damit überprüft werden kann, dass auch wirklich niemand seine Karte weiterverkauft hat. So wird doch nur die Sicherheit gewährleistet. Doch so einfach ist das nicht!

Setzt man sich mit den Fanszenen in Deutschland auseinander, so kommt man schnell zur Erkenntnis: der eigentliche Spieltag- oder Ort ist selten das Problem. Straftaten und Gewaltexzesse gibt es in den Wochen und Tagen zuvor. An Bahnhöfen zwischen den jeweiligen Spielorten werden Leute eingeschüchtert und abgezogen. Schals, T-Shirts und Jacken sind begehrtes Diebesgut. Oder die erlebnisorientierten Jungs treffen sich Stunden oder gar Tage vor dem Spiel auf Wiesen oder in Wäldern. Dort glauben sie unter sich zu sein. Dort kommt es zu Straftaten und Gewaltexzessen. Dort wird unser Sport beschädigt. Das verurteilen wir! Ebenso wie die Straftaten einiger Kölner in unserem Stadion an Karneval. Doch eignen sich personalisierte Tickets und geringere Gästekontingente wirklich um sowas zu verhindern? Wir glauben nicht.

Friedliche Fans werden mitbestraft

Diesen Jungs wären die Sicherungen ebenso durchgebrannt, wenn nur halb so viele Kölner im Stadion gewesen wären. Und wenn es diese Jungs immer noch nicht begriffen haben, dann werden sie auch jetzt wieder Wege finden unseren Sport als Plattform zu missbrauchen. Dann eben an anderen Orten, zu anderen Zeiten. Ziel sollte es sein, den Leuten begreiflich zu machen, dass sie Schaden anrichten. Mit kollektiven Bestrafungen erreicht man allerdings genau das Gegenteil. Friedliche Fans werden mitbestraft und so gegen den Verband und die Polizei aufgebracht. Unsere Szene ist damals besonnen geblieben. Warum wir trotzdem mit gehangen sind, ist nicht nachvollziehbar!

Sicher bleibt das Argument, dass ja niemand gezwungen werde Karten zu kaufen. Wer das also nicht mitmachen möchte, der soll es lassen. Aber was ist mit den 750 Auswärtsdauerkarteninhabern? Bisher wurden diese nicht gefragt, ob sie ihre Daten zur Weitergabe freigeben möchten. Geschieht das noch? Wenn man Karten für ein Konzert kaufen würde, diese personalisieren lassen müsse und beim Einlass den Ausweis zeigen müsse – die Aufregung wäre groß. Über die Methoden der NSA ereifert sich ganz Deutschland. Das verstehen wir. Aber wieso reagiert die Gesellschaft bei den Rechten von Fußballfans anders?

Leider befürchten wir, dass diese repressive Maßnahme nur der Anfang sein wird. Wer sich mit der Entwicklung der italienischen Fußballkultur auseinandergesetzt hat, dem ist die „Tessara del Tifoso“ ein Begriff. An ihr und dem Umgang mit Fußballfans ist die italienische Fankultur zugrunde gegangen. Sie steckt in einer tiefen Krise. Wir alle sollten aus diesen Fehlern lernen. Kein aktiver Fan sollte diese Maßnahmen unwidersprochen hinnehmen. Es bleibt abzuwarten wie die Fanszene reagiert. Es bleibt vieles offen. Klar ist jedoch: das war ein deutlicher Warnschuss!

Lassen Sie uns reden – Repressionen sind keine Lösung

Wir hoffen, dass sich kein Kölner über diese Repressionen freut. In dieser Sache müssen alle Fußballfans gemeinsam kämpfen. Wir lieben zwar unterschiedliche Vereine, teilen jedoch dieselbe Leidenschaft! Ein Derby sollte lebendig sein. Mit Gästefans, Fahnen und Gesängen. So viel, so bunt und so kreativ wie möglich!

Wir alle lieben den Fußball und seine Fankultur. Immer mehr Repressionen gegen die aktivsten Fans können keine langfristige Lösung sein.

Lieber DFB, liebe Polizei und liebe Borussia: Wir sind bereit mit Euch gemeinsam für unsere Fankultur zu kämpfen. Wir sind bereit unsere Fanszenen zu regulieren und Gewalt, Rassismus und Ausgrenzung konsequent zu bekämpfen. Alle gemeinsam. Wir bitten Euch allerdings: holt die aktiven Fans mit ins Boot und stellt uns nicht vor vollendete Tatsachen. Lasst uns kommunizieren! Noch ist es nicht zu spät!

Fankultur bedeutet Freiheit, Kreativität, Emotion und Aufopferung.

Fußball bedeutet Leben!

ANMERKUNG: Erst nach Veröffentlichung dieses Beitrags haben die Fanbeauftragten eine Mail an alle AWDK’ler geschrieben. Bis kommenden Mittwoch haben diese Zeit, zu entscheiden, ob sie zum Spiel reisen wollen oder nicht. Jeder, der seine Karte in Anspruch nimmt, akzeptiert die Bestimmungen rund um die Tickets.

Foto: nordkurvenfotos.de

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