Hinrunden-Rückblick – Teil zwei: Eine unfassbare Trendwende

Ab dem sechsten Spieltag übernahm André Schubert das Zepter in Mönchengladbach. Im zweiten Teil unseres Hinrunden-Rückblicks schauen wir auf die grandiose Entwicklung der Mannschaft unter dem neuen Trainer. Und auf die Geschehnisse in der Fanszene.

Als Max Eberl am Morgen des 21. Septembers im Borussia-Park aufschlug, hatte er so richtig schlechte Laune. Am Abend vorher war Trainer Lucien Favre zurückgetreten, Eberl stand am Tag seines 42. Geburtstages vor einer der schwierigsten Entscheidungen seiner bisherigen Sportdirektor-Karriere. Wie sollte es weitergehen? Es gab keinen Plan B. Warum auch? Borussia hatte alles auf die Karte Favre gesetzt – und überraschend verloren.

Und so stapfte Eberl an besagtem Morgen durch die Flure im Borussia-Park. „Ich erinnere mich an die erste Begegnung am Montagmorgen. Mir kam ein Mitarbeiter entgegen und sagte: „Alles Gute!“ Ich habe ihn angemault, was dieser Sarkasmus solle: „Nichts ist gut!“, erzählte der Sportdirektor kürzlich im 11FREUNDE-Interview.

Im Laufe des Tages führte Eberl viele Gespräche: Zunächst mit Manfred Stefes und Frank Geideck, den beiden Co-Trainern, dann mit André Schubert. Eberl hatte den Glatzkopf vor der Saison zusammen mit Nachwuchs-Chef Roland Virkus an den Niederrhein gelotst. Die Idee: Warum sollte der Verein nicht nur Spieler, sondern auch Trainer ausbilden? Eberls ambitionierter Plan: Vielleicht könne Schubert in ein paar Jahren der „neue Favre“ werden. Am Abend des 21. Septembers entschied Eberl notgedrungen, diese Idee vorzuziehen: Schubert wurde zum neuen Trainer ernannt – zunächst jedoch nur interimsweise.

Kein Favre, eher Marke Klopp

Am Dienstagmittag um 13.10 Uhr betrat Schubert die große Bühne Fußball-Bundesliga. Der erste Eindruck: Speziell. Wer jahrelang Lucien Favre beim Zaudern und Zetern zugeschaut hatte, konnte an diesem Tag nicht restlos überzeugt sein. Da saß plötzlich ein zwinkernder, ironischer Trainer auf dem Podest des Presseraums im Borussia-Park. Wahrlich kein Favre, eher einer der Marke Klopp.

Eines musste man Schubert jedoch lassen: Er vermittelte Tatendrang, Frische und Zuversicht. Dabei überzeugte der Neue vor allem mit einer punktgenauen Analyse der Situation. Die Mannschaft könne ja gut Fußball spielen und sei stark, es hapere aber eben an Kleinigkeiten. Und so lieferte Schubert gleich drei Ansätze, die er nun angehen wolle: Stabilisierung der Defensive, Mut nach vorne, Umschaltverhalten.

Seine Erklärung: „Wir sind zu passiv in den Defensivzweikämpfen. Ein Zweikampf darf nie passiv sein, das ist ein aktives Duell. Wir müssen vorne wieder mehr Mut haben. Und das Umschaltverhalten in beide Richtungen. Was passiert bei Ballverlust, was bei Ballgewinn.“ Insgesamt müsse das Team wieder „mehr agieren und weniger reagieren“. Ein vierter wichtiger Punkt läge ebenfalls auf der Hand: Das Selbstvertrauen. Und tatsächlich: Schubert hielt, was er versprach – auf beeindruckende Art und Weise.

Daumen hoch! André Schubert bei seinem ersten Spiel an der Borussia-Seitenlinie

Keine 48 Stunden nach seiner Inthronisierung fertigte eine furios aufspielende Fohlenelf den FC Augsburg vor heimischem Publikum 4:2 ab. Schubert änderte im Grunde nur Kleinigkeiten im Gegensatz zur Spielweise der Mannschaft unter Vorgänger Favre. Aber: Das Team verteidigte wesentlich offensiver, was vor allem für die beiden Stürmer und die Außenverteidiger galt. Außerdem schmiss der Trainer die zuvor verletzten Spieler Dominguez, Johnson und Herrmann wieder ins Team. Folge: Nach 20 Minuten führte seine Mannschaft bereits mit 4:0. Ein Start nach Maß – und der Beginn einer furiosen Serie.

Nur drei Tage nach dem Augsburg-Spiel siegte Borussia auch in Stuttgart. Beim 3:1-Erfolg zeigte die Mannschaft erstmals wieder die beachtliche Abgeklärtheit der vergangenen Saison. Positiver Nebeneffekt: Weil die Öffentlichkeit sich zu diesem Zeitpunkt noch fleißig mit der Suche nach einem Favre-Nachfolger beschäftigte, konnten Schubert und seine Assistenten in Ruhe mit dem Team arbeiten – sofern es denn der Spielplan zuließ.

Denn Zeit zum Durchschnaufen blieb nur bedingt. Knapp eine Woche nach dem Trainer-Wechsel stand das nächste Highlight an: Das erste Champions-League-Heimspiel der Vereinsgeschichte. Gegen Manchester City erstrahlte im Borussia-Park eine furiose Choreografie – organisiert von der Ultraszene um die Jungs von Sottocultura. Auch sportlich präsentierte sich der Verein stark: Zwar verlor die Fohlenelf unglücklich mit 1:2, lieferte gegen eine absolute europäische Spitzenmannschaft aber ein beinahe perfektes Spiel ab.

Dass Schubert tatsächlich ein „cooler“ Typ ist, erfuhren auch wir – als wir hörten, dass der Trainer der Mannschaft aus einem unserer Texte vorgelesen hatte. Der Mann weiß, was gut ist!

Die neue Selbstverständlichkeit zeigte sich am Ende der Woche: Samstags schlug die Fohlenelf in der Bundesliga auch den VfL Wolfsburg mit 2:0. Unglaublich: Innerhalb von drei Spieltagen sammelte die Mannschaft unter Neu-Trainer Schubert neun Punkte und kletterte von Platz 18 auf Platz 13.

In der folgenden Länderspielpause drehte sich der Wind der Öffentlichkeit  erstmals – zu Gunsten André Schuberts. Der Interimstrainer hatte sich schnell in die Herzen von Fans und Medien katapultiert. Die Anhänger schwärmten plötzlich von seiner offenen und sympathischen Art, die Medien überschlugen sich in „Schubidu-“ und „Pulli-“Wortspielen. Dass Schubert tatsächlich ein „cooler“ Typ ist, erfuhren auch wir – als wir hörten, dass der Trainer der Mannschaft aus einem unserer Texte vorgelesen hatte. Der Mann weiß, was gut ist!

Turin: Eine unvergessliche Champions-League-Tour

Für uns MitGedacht.‘ler stand in der Länderspielpause nach dem Wolfsburg-Spiel eines der Highlights der Hinrunde an: Das Interview mit Neuzugang Lars Stindl. Das Gespräch mit dem Ex-Hannoveraner bot uns die Chance mal auf offiziellem Wege mit einem sehr interessanten Typen zu plaudern. Auch heute sind wir mit dem Ergebnis immer noch sehr zufrieden. Stindls Satz „Fußball ist Samstag um 15.30 Uhr“ schaffte es letztlich sogar bis in die Print-Ausgabe der 11FREUNDE. Ein schöner Erfolg für unsere bescheidenen Blog-Bemühungen!

Erfreuliches auch auf dem Platz: Denn nach der Länderspielpause legte unsere Mannschaft wieder los wie die Feuerwehr. Einem bärenstarken Auftritt in Frankfurt (5:1) folgten ein ordentliches  Spiel in Turin (0:0) – wieder so eine unvergessliche Champions-League-Tour. Wer hätte früher, als wir Borussia von unseren Vätern und Großvätern ans Herz gelegt bekamen, jemals gedacht, dass wir so schnell wieder mit diesem Verein in der Königsklasse gegen Manchester City oder Juventus spielen würden? Ein Traum!

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Der beachtliche Rhythmus hatte – und so ehrlich müssen wir sein – aber auch negative Begleiterscheinungen. So richtig weiß man das Privileg der Dreifachbelastung als Fan nicht mehr zu schätzen, wenn man innerhalb von vier Wochen sieben Spiele seines Vereins sieht. Für uns hieß das konkret: Der eine oder andere Text blieb auf der Strecke, vor allem die Bundesligaspiele verloren ungewollt an Reiz. Doch nicht nur wir von MitGedacht. mussten dem hohen Rhythmus Tribut zollen. Auch sportlich spürte man die Auswirkungen.

Spätestens ab der „Schalker Woche“ Ende Oktober ging die Mannschaft spürbar auf dem Zahnfleisch. Zwar stimmten die sportlichen Ergebnisse auch weiterhin (Schalke wurde in der Liga 3:1, im DFB-Pokal 2:0 besiegt), die Verletztenliste wurde allerdings immer länger. Zunächst traf es Patrick Herrmann, dann André Hahn und immer wieder Alvaro Dominguez. Die Situation gestaltete sich beinahe bizarr: Während die Mannschaft Spiel um Spiel gewann, ging sie immer mehr auf dem Zahnfleisch – ein Teufelskreis.

Das Defensivverhalten einiger Spieler

Zumal Schubert durchaus anspruchsvoll mit seinem Kader umging: Einige wenige Möglichkeiten, mal durchzuwechseln nahm der Glatzkopf schlicht nicht wahr. Als seine Mannschaft am letzten Oktober-Wochenende etwa nach 55 Minuten bereits 3:0 bei Hertha BSC führte (Endstand 4:1), verzichtete Schubert darauf Königstransfer Josip Drmic oder eines der Sorgenkinder Thorgan Hazard und Branimir Hrgota frühzeitig zu bringen. Hintergrund: Schubert, so hieß es, sei nicht mit dem Defensivverhalten besagter Spieler einverstanden. Also blieben sie auf der Bank, die bewährten Spieler mussten es richten.

Im Heimspiel gegen Juventus Turin wollte die Fohlenelf in der ersten November-Woche endlich den ersten Dreier in der Champions League einfahren. Wieder verlieh die Ultraszene dem Abend mit einer Choreografie einen würdigen Rahmen, wieder spielte die Mannschaft stark, kämpfte aufopferungsvoll, wieder reichte es nicht zu einem Sieg. Nur drei Tage später endete auch Schuberts beachtlicher Lauf in der Bundesliga. Nach sechs (!) Siegen in Folge, reichte es am 12. Spieltag „nur“ zu einem 0:0 gegen einen dreckig spielenden Aufsteiger aus Ingolstadt.

Die einzig logische Entscheidung

In der anschließenden Länderspielpause machte Max Eberl Nägel mit Köpfen. Mittwochs bereits entschied die Vereinsführung das, was sich seit Tagen abgezeichnet hatte und die Öffentlichkeit am darauffolgenden Freitag, den 13. (bekanntlich einem sonst pechschwarzen Tag) erfuhr: André Schubert wurde zum Cheftrainer ernannt. Die einzig logische Entscheidung!

Schubert schien in seiner Amtszeit tatsächlich in fast allen Punkten richtig gelegen zu haben. Er hatte „seine“ Vorstellungen vom aktiven, offensiv ausgerichteten Fußball fast in Perfektion mit den vorhandenen taktischen Strukturen des Teams verbunden. Er ernannte Granit Xhaka zum Kapitän und gab dem Schweizer damit noch mehr Verantwortung. Und: Er verhalf mit der neuen Ausrichtung nicht nur Xhaka, sondern auch anderen Spielern wie Christensen, Korb, Wendt, Traoré, Johnson, Raffael oder Stindl zu wahren Top-Leistungen. Kurzum: Schubert hatte sich zur Genüge für den Job als Cheftrainer qualifiziert. Wieso sollte man diesem Erfolgstrainer nun einen anderen Kandidaten vorziehen?

Zumal sich auch die Mannschaft öffentlich für eine Schubert-Inthronisierung aussprach und weiter auf der Welle des Erfolges schwamm: Zunächst besiegte man mit einer eher durchwachsenen Leistung Hannover 96, dann holte eine furios aufspielende Fohlenelf vor heimischem Publikum gegen den FC Sevilla endlich den ersten Champions-League-Sieg der Vereinsgeschichte. Das erste schwache Spiel der Ära Schubert unterlief der Mannschaft dann in Hoffenheim. Zu Gute halten muss man ihr aber, dass es auch hier wieder zu einem Punkt reichte. 3:3. Immer noch nicht verloren!

Schubert schien in seiner Amtszeit tatsächlich in fast allen Punkten richtig gelegen zu haben. Er hatte „seine“ Vorstellungen vom aktiven, offensiv ausgerichteten Fußball fast in Perfektion mit den vorhandenen taktischen Strukturen des Teams verbunden. Er ernannte Granit Xhaka zum Kapitän und gab dem Schweizer damit noch mehr Verantwortung. Und: Er verhalt mit der neuen Ausrichtung nicht nur Xhaka, sondern auch anderen Spielern wie Christensen, Korb, Wendt, Traoré, Johnson, Raffael oder Stindl zu wahren Top-Leistungen.

Das Hoffenheim-Spiel wurde auch für uns MitGedacht.‘ler zu einer besonderen Partie. In der Woche vor dem Aufeinandertreffen diskutierten wir üblicherweise die Marschroute für die Woche. Was wollen wir bringen? Können wir etwas Spezielles zur Partie machen? Wir entschieden uns für das Aufgreifen der Kartenpreis-Problematik – und zu einer zwar etwas polemischen, aber öffentlichkeitswirksamen Lösung: Einem offenen Brief nach Hoffenheim. Schon wenige Stunden nach der Veröffentlichung entwickelte die Sache eine ganz eigene Eigendynamik: Wir bekamen viel Lob, aber auch eine Menge Kritik. Wir seien unverschämt, abgehoben, würden uns nur auf Hoffenheim stürzen und seien sowieso arrogante kleine Kinder.

Unser eigentliches Anliegen hatten wir aber erreicht: Das Thema war in der Öffentlichkeit, der Brief erreichte die handelnden Personen in Hoffenheim, wir standen in Kontakt! Leider – und so ist es ja häufig im Profi-Fußball – blieb es in der Folge nur bei einigen leeren Versprechungen der Vereins-Pressestelle. Bis heute warten wir auf die versprochene Antwort eines offiziellen Vertreters. Die Absprache, unseren E-Mail-Verkehr nicht zu veröffentlichen, werden wir erstmal aufrechterhalten. Wir glauben ja ans Gute im Menschen. Aber mal sehen, wie lange!

Bayern zeitweise dominiert

Sportlich wurde die erste Dezember-Woche zur wohl aufregendsten der ganzen Saison – Champions League und Favre-Aus hin oder her: Es stand das Duell mit dem FC Bayern an, mit bekanntem Ende. Borussia dominierte den Rekordmeister in einem packenden Bundesligaspiel zeitweise und siegte dank einer überragenden zweiten Halbzeit vollkommen verdient mit 3:1. Dabei hatte André Schubert die Bayern mit einem taktischen Kniff etwas verwirrt: Statt im bekannten 4-2-2-2 trat das Team erstmalig im 3-4-1-2 an – im Rückblick genau die richtige Entscheidung. Mal wieder.

Mit dem Sieg gegen die Bayern schob sich Borussia in der Tabelle nach diesem 15. Spieltag erstmals auf Champions-League-Platz drei vor. Nach dem desaströsen Saisonstart und den Turbulenzen zwischen Mannschaft und Trainer eine unfassbare Leistung, die aufgrund des Hinrunden-Finales bei einigen Pressevertretern und Fans leider ein wenig in den Hintergrund geraten ist.

Die ersten Tiefschläge unter Schubert

In Manchester schied Borussia zunächst endgültig aus dem europäischen Wettbewerb aus. Eine gute Halbzeit reichte nicht aus, die Hammer-Gruppe wurde der Fohlenelf letztlich doch zum Verhängnis, was vor allem am enttäuschenden Auftritt im ersten Spiel in Sevilla lag. Wer weiß, wie die Gruppe ausgegangen wäre, wenn wir zunächst in Manchester gespielt hättten. Fest steht aber: Wir Fans hatten drei tolle Touren. Wir haben schon so oft geschwärmt, wollen es aber auch ein letztes Mal tun: Die Erfahrung Champions League nimmt uns keiner mehr – und das ist auch gut so!

In der Liga musste der VfL wenige Tage nach dem Manchester-Spiel den nächsten Tiefschlag hinnehmen. Eine deutlich angezählte Fohlenelf ging bei Bayer Leverkusen 0:5 unter. Wenige Tage später folgte bekanntlich dann auch das Aus im DFB-Pokal. Im Borussia-Park musste man sich Werder Bremen mit 3:4 geschlagen geben. Zum ersten Mal enttäuschte die Mannschaft unter André Schubert so wirklich! Immerhin: Das turbulente 3:2 gegen Darmstadt 98 am vergangenen Wochenende ließ auch die letzten Kritiker verstummen – und bestätigte den Eindruck einer insgesamt wirklich beeindruckenden Hinrunde.

Nach 17 Spieltagen rangiert Borussia auf einem starken vierten Tabellenplatz. Und mal ganz ehrlich: Wer hätte daran nach dem Favre-Aus am 20. September ernsthaft gedacht?

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Alle Fotos zu diesem Beitrag: MitGedacht., nordkurvenfotos.de, Torfabrik.de

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