Keine nackte Kanone

Nein, im Mittelpunkt steht er nicht gerne. Eigentlich liebt Tobias Strobl sogar genau das Gegenteil. Deutlich wird das in seinem aktuellen Wohnort: Heidelberg. Das kleine Städtchen im Südwesten der Bundesrepublik ist für Strobl ein ideales Plätzchen. Hier kann er unerkannt durch die Stadt laufen, sich in Cafés setzen. Das genießt Tobias Strobl. Dem Hoffenheimer Vereins-Magazin „Spielfeld“ erzählte er einst: „Hier in Heidelberg könnte ich nackt durch die Fußgängerzone laufen und niemand würde es beachten.“ Das war sicherlich nicht ganz ernst gemeint, dennoch zeigt es gut, was Tobias Strobl wichtig ist: Ausgewogenheit, Ruhe, Konzentration auf das Wesentliche.

Auch dank dieser Konstellation konnte er endlich Fuß fassen, in der großen Welt des Profifußballs. Denn lange Zeit sah es nicht so aus, als ob Strobl der große Sprung tatsächlich gelingen würde. Schon nach der D-Jugend verließ der geborene Münchner seinen Heimverein SV Aubing. Mit nur elf Jahren wechselte er zum TSV 1860, einem der Vereine mit der wohl besten fußballerischen Ausbildung. Strobl durchlief die ganze Jugend. Er war meist Stammspieler, galt als großes Talent. Der große Sprung wollte ihm aber nicht gelingen.

Tod des Vaters mit 19

Das lag auch an einem privaten Schicksalsschlag. Im Alter von 19 Jahren musste er den Tod seines Vaters verkraften. Das habe ihn schwer zurückgeworfen, da er sich damals mit dem ausgiebigen Münchner Nachtleben von dem Schicksalsschlag ablenkte, berichtete er einst bei einem Hoffenheimer Fanclubtreffen. Feiern statt Fußball – einer der Gründe, warum es bei 1860 nur zu Einsätzen bei der U23 reichte.

Aufgeben wollte Strobl seinen Traum vom Profi allerdings nicht. Schon nach der Mittleren Reife hatte er voll auf die Karte Fußball gesetzt, seinen zweiten Wunsch-Beruf, den des Immobilienmaklers, hinten angestellt. Der Plan ging auf – wenn auch verspätet. 2011 lotste Hoffenheims Sportdirektor Ernst Tanner, seines Zeichens früherer 1860-Nachwuchskoordinator, Strobl in den Kraichgau. Zunächst sollte er bei der U23 eingesetzt werden. Tanner plante aber mehr mit Strobl – langfristig sollte der Sprung zu den Profis endlich gelingen.

Mentor Stanislawski

Dass das letztlich schneller ging als gedacht, lag vor allem an Holger Stanislawski. Der damalige Hoffenheimer Trainer holte Strobl nach nur wenigen Monaten zu den Profis. Stanislawski, so heißt es heute, habe vor allem die Vielseitigkeit des Defensivakteurs geschätzt: Strobl verrichtet seinen Job egal ob als defensiver Mittelfeldspieler, Innen- oder Außenverteidiger stets solide. Er spielt einfache Bälle, besticht aber mit einer hohen Passquote. Obwohl er sein Profi-Debüt letztlich wenige Tage nach Stanislawskis Entlassung feierte, bezeichnet er den Trainer heute noch als „eine Art Mentor“. Immerhin ließ sich Strobl nach der ersten Spielzeit in Hoffenheim nach Köln ausleihen. Dorthin, wo Stanislawski damals als Trainer anheuerte.

Die Profi-Karriere Strobls nahm in der Domstadt an Fahrt auf. In der Zweitligasaison 2012/13 absolvierte er 21 Spiele für die Kölner, zeigte solide Leistungen. Eigentlich wollte er sogar in Köln bleiben, der aktuelle Hoffenheimer Trainer Markus Gisdol überzeugte ihn jedoch von einer schnellen Rückkehr. Der Schritt zahlte sich aus: Gleich in seiner ersten kompletten Bundesligasaison (2013/14) stand Strobl in 29 Spielen auf dem Platz. Dieser Trend setzte sich auch in der vergangenen und der aktuellen Spielzeit fort. Insgesamt verpasste Strobl nur elf Spiele – wobei er zuletzt dreimal wegen Knieproblemen pausieren musste.

Hin- und Hergeschiebe zwischen den Positionen

Der heute 25-Jährige ist angekommen – und zwar auf der „Sechs“, seiner selbsterklärten Lieblingsposition. Das Hin- und Hergeschiebe zwischen defensivem Mittelfeld, Innen- und rechter Außenverteidigung war wohl einer der Gründe, warum er letztlich seinen Vertrag in Hoffenheim nicht verlängerte. Strobl betont zwar immer wieder, dass er „da spielt, wo der Trainer mich hinstellt“, der „Kicker“ schrieb aber schon vor dieser Saison vom Wunsch nach einer festen Position. Nun also der Wechsel nach Mönchengladbach – samt Hoffnung auf den nächsten Schritt. Den zum Stammspieler in einer Mannschaft, die mit um die internationalen Plätze spielen kann.

Auch wenn das Strobl aufgrund gestiegener Konkurrenz nicht garantiert werden kann, könnte er der Borussia durchaus weiterhelfen. Der 25-Jährige ist weniger kreativer Aufbauspieler, eher der Spielertyp „Kramer“ oder „Neustädter“. Ein Arbeiter, der defensiv seinen Part verrichtet. Und: Strobl ist so etwas wie der urtypische „Eberl-Transfer“. Einmal mehr hat Max Eberl, unter den Managern längst der „Sommer-Streber“, im März zugebissen. Strobl passt vollends ins Profil eines von Eberl immer wieder gesuchten Spielertypen: Deutscher Stammspieler, mittleren Alters, dennoch entwicklungsfähig. Die Vorgänger Hahn, Kruse oder Stindl lassen grüßen.

Familienmensch und Golfer

Neben diesen sportlichen Aspekten weist Tobias Strobl das auf, was Borussias Machern ebenso wichtig ist: Charakterstärke. Der 25-Jährige ist ein Typ. Er bringt seine Leistung auf dem Platz, tritt gerne auch einmal für seine Meinung ein. Daneben pflegt er aber genauso sein Privatleben. Strobl bezeichnet sich selber als „absoluten Familienmensch“. Er unternimmt gerne Ausflüge mit der Familie oder Freunden aus seiner Heimat München. Und er spielt gerne Golf – und das durchaus gut. Schon als 15-Jähriger wurde er bayrischer Meister. Den professionellen Schläger tauschte er zwar gegen die Fußballschuhe ein, der Golfsport fasziniert ihn dennoch weiterhin: „Ich finde Wahnsinn, dass du dich für jeden Schlag voll konzentrieren musst und den Rhythmus nicht verlieren darfst. Es ist zwar körperlich nicht wirklich anstrengend, dafür für den Kopf umso mehr.“

Stunden auf dem Golfplatz genießt Strobl daher umso mehr. Es ist für ihn abschalten und Kraft tanken – ähnlich wie der eingangs erwähnte Spaziergang durch Heidelberg. Den wird er in Mönchengladbach oder Düsseldorf übrigens nicht mehr ganz so unerkannt durchführen können. Und nackt durch die Fußgängerzone sollte er in den beiden Städten auch nicht laufen. Das alles sollte aber doch auch nicht ganz so schlimm sein, wenn er im nächsten Jahr hoffentlich zum ersten Mal in seiner Karriere europäischen Rasen betritt…

Foto zu diesem Beitrag: Instagram/Tobias Strobl

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