Lob nach Darmstadt!

Änis Ben-Hatira löste gestern seinen Vertrag beim Bundesliga-Letzten Darmstadt 98 auf. Grund dafür: der Verdacht auf finanzielle Unterstützung einer radikalen Salafisten-Gruppe – und der lautstarke Protest der „Lilienfans gegen Rechts“. MitGedacht. über den Mut einer Fanszene sich offen gegen Radikalismus zu positionieren und auch Themen abseits des Fußballs nicht zu übersehen.

Es ist etwa viereinhalb Jahre her: Zum damaligen Saison-Auftakt gastierte der neue Zweitligist Hertha BSC Berlin mit Neu-Trainer und Ex-Borusse Jos Luhukay beim FSV Frankfurt am Bornheimer Hang. Zufällig war einer der MitGedacht.’ler vor Ort und war überrascht: Im Vorfeld der Partie galt das Interesse der jüngeren Autogrammjäger vor allem einem bis dato eher unscheinbar anmutenden Typen. Dem früheren U21-Nationalspieler Änis Ben-Hatira.

“Ein geiler Spieler”, “Der beste Kicker überhaupt”, “Ich will auch mal so werden wie der” frohlockten die Kids, nachdem sie ein Autogramm abgegriffen hatten. Ben-Hatira schien wie geschaffen für die beliebte Erfolgsstory des Profi-Fußballs zu sein. Ein Berliner Junge mit Migrationshintergrund, der sich von den Bolzplätzen der Bundesrepublik in das Schaufenster Bundesliga gespielt hatte. Dazu noch mit einem atemberaubenden Talent gesegnet und der beste Buddy Jérôme Boatengs. Die Traumkarriere schien im Jahre 2012 in Liga zwei nur für einen kurzen Moment inne zu halten.

Vom talentierten Offensiv-Spieler zum Problemfall

Von diesem Glanz ist heute nicht viel übrig geblieben. Nach zahlreichen Verletzungen, einer Rangelei im Mannschafts-Bus und einem Gastspiel bei der Frankfurter Eintracht wechselte Ben-Hatira zu Darmstadt 98. Nicht Barcelona, nicht Mailand und auch nicht die Premier League. Der 28-jährige musste sich im Warenhaus der Liga neu beweisen. Doch Ben-Hatira wäre nicht Ben-Hatira, wenn er es nicht auch außerhalb des Platzes zu reichlich Schlagzeilen bringt. Doch diesmal scheint die Sache ernster als je zuvor!

Am vergangenen Wochenende waren wir mit unserer Borussia bekanntermaßen bei den Lilien zu Gast. Während eines schwachen Fußballspiels gab es tatsächlich kaum etwas, das uns von den Sitzen gerissen hätte. In diese Kategorie fiel dann schon ein etwas unscheinbarer Flyer der Darmstadter Fanszene. Genauer gesagt, der “Lilienfans gegen Rechts”, die Zettel mit der Überschrift “Änis Ben-Hatira wirbt für salafistische Hilfsorganisation” verteilte. Änis Ben-Hatira und Salafisten?

Foto: Twitter

Hilfsorganisation mit Kontakt ins radikale Milieu

Was seit einiger Zeit bekannt war: Der achtmalige tunesische Nationalspieler Ben-Hatira unterstützt mit Spenden die Hilfsorganisation “Ansaar International”. Diese steht jedoch im Verdacht, Verbindungen zu Salafisten zu pflegen. Außerdem sollen sie mit Hilfsgeldern Terrororganisationen in Syrien mitfinanzieren. Ein Umstand, der im Lager der Lilienfans und in ganz Bundesliga-Deutschland für Aufregung und Diskussionsstoff sorgte. Umso mehr, nachdem Ben-Hatira auf der Homepage seines Vereins in einem Interview sein Engagement für die Organisation verteidigte.

Ben-Hatira ist bekannt als ein Mensch, der gerne und viel hilft – und daraus auch keinen Hehl macht. Er spendete unter anderem Gelder, die für Brunnenbauten im Nahen Osten eingesetzt werden. Außerdem unterstützte er Waisenhäuser, die Opfern von “Boko Haram” Zuflucht boten. Eine sehr lobenswerte und respektable Einstellung. Wir sind keine Freunde von Vorverurteilungen und stehen hinter der Unschuldsvermutung – nur um das noch einmal klar zu stellen. Doch sollte sich bewahrheiten, worauf vieles hindeutet, nämlich­ dass “Ansaar International” tatsächlich aktiv Verbindungen in einschlägige Szenen hat, dann sitzt auch Ben-Hatira (ob bewusst oder unbewusst) mit im Boot. Und dann hat er sich dem zu stellen und die Konsequenzen zu tragen.

Es gibt Grenzen in der “Privatheit” eines Bundesliga-Profis

Fußballfans im Allgemeinen und Fanszenen im Speziellen wird oftmals nachgesagt, sie seien zu extrem. Sie würden sich die Sachen häufig zu einfach machen, sie differenzieren Sachverhalte nicht richtig und sowieso stehe mehr das Erlebnis “Fußball, Trinken, Pöbelei” im Zentrum des Interesses. Nicht nur die engagierten Darmstadt-Fans zeigen, dass das nicht so ist und liefern damit einen wunderbaren Gegenbeweis. Auch das erfordert Respekt und Unterstützung.

Natürlich obliegt es uns Fußball-Fans nicht, über das Persönliche eines Spielers zu urteilen. Ob ein Max Kruse jetzt Camouflage-Lack aufsprüht, fünfstellige Summen Bargeld im Taxi liegen lässt oder frivol auf einschlägigen Erotik-Portalen zu finden ist, sollte uns (wenn überhaupt) nur amüsieren.

Doch wenn wir über religiös motivierten Radikalismus sprechen, dann ist es eine ganz andere Dimension, in der wir uns bewegen. Dann können wir nichts mehr belächeln und übergehen. Dann sind auch wir als Fanszenen in der Verantwortung! Eine Verantwortung und auch eine Macht, der sich viele von uns überhaupt nicht bewusst sind. Wir haben die Möglichkeit, mit unserem öffentlichen Auftreten in den Kurven, Themen anzustoßen und uns klar zu positionieren. Und es ist nur gut, wenn wir diese Funktion ab und an auch erfüllen. Denn Fußball ist Teil der Gesellschaft. Fußball verbindet uns alle irgendwie miteinander.

Aus diesem Grunde können wir den Mut und die Klarheit der Lilienfans nur loben und sie bei ihrer Aktion unterstützen. Für einen offenen und bunten Fußball!

Foto zu diesem Beitrag: Twitter/SVDarmstadt.

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