Max Eberl – Teil 1: „Wir sind viel emotionaler als Fans glauben!“

Lange haben wir für dieses Interview gekämpft. Die Liste unserer bisherigen Interviewpartner konnte sich zwar sehen lassen: Lars Stindl, Martin Stranzl, Tony Jantschke. Jetzt, besonders in dieser aus Fansicht sehr bewegenden Zeit, wollten wir jedoch nicht „nur“ mit einem Spieler sprechen. Unser Ziel: ein größeres Kaliber. Das Glück, aber auch die derzeitige Situation  im Verein spielen uns in die Karten. Wir bekommen von Borussia kurz vor Saisonende die Zusage für ein Interview mit Max Eberl.

Termin eins muss verschoben werden. Borussia stellt Vincenzo Grifo als Neuzugang vor. Hat Priorität. Am 12. Juni, ein Montagmorgen, ist es dann endlich so weit. Um kurz vor neun Uhr setzen wir uns mit Max Eberl an den Besprechungstisch im Zimmer von Mediendirektor Markus Aretz. Eberl stellt sich als „Max“ vor. Fast eineinhalb Stunden reden wir sehr tiefgründig über Borussia Mönchengladbach.


Max, ist der Manager von Borussia Mitte Juni in Gedanken noch ein bisschen bei der zurückliegenden oder schon zu 100 Prozent bei der kommenden Saison?
Der volle Fokus liegt auf der neuen Saison. Natürlich analysieren wir noch ein bisschen – ich muss auch das eine oder andere Interview geben, in dem noch einmal zurückgeschaut wird. Eigentlich ist die alte Spielzeit für mich aber schon in der Woche nach der Saison abgehakt. Es bringt ja nichts, jetzt noch groß zurückzuschauen. Als Manager beschäftige ich mich ohnehin schon seit Januar mit der Saison 2017/18. Ich überlege, was ich tun will. Ich weiß, welche Spieler gehen, wer kommen könnte, wie das Budget aussieht.

Wir wollen trotzdem noch einmal zurückschauen.
(Schmunzelt) Das überrascht mich jetzt nicht wirklich.

Dann legen wir los: Die Saison 2016/17 aus Deiner Sicht in drei Worten.
Puh. (überlegt lange) Spannend, intensiv, (überlegt noch einmal) ärgerlich.

Trifft in etwa unsere Einschätzung. Hinter Borussia liegt eine aufregende und bewegende Saison. 45 Punkte, zwei Trainer, drei Wettbewerbe, viele Verletzte, Fan-Jubel, aber auch Fan-Ärger. Es gab für Dich sicher schon einfachere Spielzeiten, oder?
Jede Saison hat ihre Reize und ihre Adjektive, die sie beschreiben. Die letzte Spielzeit war extrem – und zwar in vielerlei Hinsicht. Sie steht für die Schnelllebigkeit, die mittlerweile im Fußball herrscht. Es gab sicher einige negative Dinge, die wir intern klären oder beeinflussen können. Aber trotzdem haben wir alleine in dieser Saison verdammt viel Schönes erlebt. Vor acht Monaten haben wir hier Zuhause gegen den FC Barcelona gespielt. Wenn wir mit neuen Spielern sprechen und die besondere Atmosphäre in Gladbach demonstrieren wollen, zeigen wir ihnen dieses Spiel. Ich sitze dann manchmal selbst daneben und bin immer noch geflasht. Das muss man sich mal überlegen: Wir hatten den FC Barcelona hier am Rande einer Niederlage. Und das ist erst acht Monate her. Gefühlt liegt es aber schon drei Jahre zurück.

Es gab aber auch diese bereits angesprochenen negativen Dinge. Was denkt der sehr auf Kontinuität bezogene Max Eberl, wenn er im Dezember 2016 plötzlich den ersten Trainer seit fünf Jahren entlassen muss?
Das ist mir nicht leicht gefallen – und das hat nichts mit André Schubert zu tun. Generell entlasse ich ungerne einen Trainer. Im Dezember habe ich aber die Notwendigkeit für den Verein gesehen. Es geht nicht um Sentimentalitäten oder persönliche Beziehungen, sondern einzig und allein um den Erfolg des Vereins. Ich habe wirklich lange gehofft, dass wir mit André Schubert die Kurve kriegen. Dass ich ihn aufgrund der Ergebnisse dann entlassen musste, hat mich getroffen.

Diese Entscheidungen überlege ich mir sehr genau und mache sie mir nicht einfach. Ob jetzt dieses eine Spiel Wolfsburg dazu beigetragen hätte, dass wir jetzt drei Punkte mehr hätten, das weiß ich nicht. Das Entscheidende ist, dass wir einen Trainer hatten, mit dem wir es gerne geschafft hätten.

Warum?
Ich habe mit der Entlassung unseren Weg in Gefahr gesehen. Wenn wir es nicht mehr schaffen, Probleme zu lösen, vielleicht auch mal einen Trainer oder junge Spieler, die Fehler machen, zu halten, und ihnen die Chance geben, sich zu entwickeln. Wenn wir das als Verein nicht mehr mittragen oder nur kurz ertragen wollen, habe ich Sorge, dass wir wie viele andere Vereine in einen Bundesliga-bekannten Wechsel-Strudel geraten. Und wenn man einmal in dieser Unzufriedenheit drin ist, kommt man dort extrem schwer raus. Borussia Mönchengladbach möchte anders sein, wir wollen ein eigenes Image haben. Dieses Image müssen wir pflegen und uns nicht in typische Fußball-Mechanismen drängen lassen. Dieses „Trainer raus“, „Der Spieler ist nichts“, „Wir brauchen da einen Neuen“ – das müssen wir abschütteln. Sonst werden wir als Borussia verlieren.

Alles nachvollziehbar und plausibel. Dennoch: Hast Du letztlich nicht doch zu lange an André Schubert festgehalten?
Nein!

Einige Fans kritisieren, dass Du mindestens ein Spiel zu lange gewartet hättest.
Wir haben wirklich gehofft, dass wir mit André Schubert den Turnaround schaffen. Deswegen wollten wir die Spiele gegen Mainz, Augsburg und eben Wolfsburg mit ihm machen. Natürlich gibt es den einen oder anderen, der sagt: Man hätte Hecking schon vor Wolfsburg holen müssen. Aber ehrlich: Was passiert, wenn Dieter das Spiel verloren hätte?

Vermutlich wäre die Unruhe schnell zurückgekehrt?
Genau! Dann geht der neue Coach schon mit einem Makel in die Vorbereitung. Dann fährst du nach Darmstadt, verlierst dort möglicherweise. Dann Leverkusen auswärts – nicht gerade einfach mit zwei Niederlagen im Rücken. In der Summe wäre mein Trainer nach drei Spielen also schon wieder tot gewesen. Deswegen wollte ich in der Winterpause einen sauberen Schnitt. Diese Entscheidungen überlege ich mir sehr genau und mache sie mir nicht einfach. Ob jetzt dieses eine Spiel Wolfsburg dazu beigetragen hätte, dass wir jetzt drei Punkte mehr hätten, das weiß ich nicht. Das Entscheidende ist, dass wir einen Trainer hatten, mit dem wir es gerne geschafft hätten.

Es sah im Nachhinein so aus, als habe der Deal mit Hecking schon vor dem letzten Schubert-Spiel gegen Wolfsburg festgestanden…
Wenn sich abzeichnet, dass es eventuell nicht klappt, darf mir niemand vorwerfen, dass ich mir schon einige Gedanken gemacht habe und dann relativ schnell einen neuen Trainer vorstelle. Dafür war die Stimmung im Stadion auch zu kontra. André Schubert und wir hatten gefühlt ja gar keine Chance mehr. Auch deshalb habe ich für mich nur die Möglichkeit des klaren Schnittes und eines klaren Neuanfangs im Winter gesehen. Das war meine Entscheidung – hinter der ich auch heute noch voll stehe.

Max Eberl im MitGedacht.-Interview
Foto: Tim Siebmanns für MitGedacht.

Wenn wir Dich hier erleben, aber auch Deine Aktivität an der Seitenlinie beobachten, kommen wir zum Schluss, dass Du ein sehr emotionaler Mensch bist. Jetzt gab es da dieses unfassbar bittere Aus im DFB-Pokalhalbfinale gegen Frankfurt. Bei vielen Fans herrscht heute noch bittere Enttäuschung. Gib uns doch mal einen Einblick in die Manager-Seele an diesem Abend!
Der ist natürlich nicht viel anders als bei Euch auch! Ich konnte mir das Elfmeterschießen nicht mit ansehen, weil ich leider schon zu viele gesehen habe, die wir nicht gewonnen haben. Ich wusste: Wir sind so nah dran. Aber jetzt geht es eben nicht mehr um besser oder schlechter, sondern um die besseren Nerven und eine Portion Glück. Im Nachhinein hätte der Branimir den Elfmeter lieber so geschossen, wie damals in Darmstadt.

Du hast das Elfmeterschießen also noch nicht einmal im TV verfolgt?
Nein, ich saß bei unserem Zeugwart im Raum ganz hinten durch, wo ich nichts höre und sehe. Irgendwann bin ich raus, da kam mir Dieter entgegen. Alleine an seinen Augen habe ich gesehen, wie es ausgegangen ist. Das war ein Schlag! Schalke war ja schon bitter – dieser Abend aber sicher noch ein bisschen ärgerlicher, weil es der schnellste und vielleicht aktuell einzige Weg für uns ist, einen Titel zu erreichen. Wir Funktionäre müssen zwar dann alles schnell wieder nüchtern erklären und dürfen nicht alles in Schutt und Asche legen, aber natürlich ging es mir beschissen. Warum soll es mir grundsätzlich anders gehen als euch Fans?

Du hast es angesprochen: Nachher muss alles erklärt werden. Da kommen dann Sätze wie „Wir haben alles versucht“ oder „Leider hat es heute nicht gereicht“. Vielleicht eine doofe Frage, aber wieso zeigt man seinen Frust dann nicht mal und haut auf den Putz?
Was bringt das denn? Und auf was sollen wir draufhauen?

Nun ja, der Gegner lag schon am Boden und war spielerisch jetzt nicht wirklich überlegen. Da hätte man durchaus mal ein Tor…
… wir haben es aber nicht. Noch einmal: Wir haben uns total geärgert und hatten an dem Abend alle den Kappes auf. Wir sind sogar viel emotionaler als Fans manchmal glauben. Der eine oder andere denkt sicher: Das sind alles so Diplomaten, die verteidigen ihre Entscheidungen und Leute. Aber ich muss als Entscheidungsträger ja auch an morgen denken. Und da hatten wir nach Frankfurt eben drei Tage später das nächste Bundesligaspiel gegen Mainz. Wenn ich total draufgehauen hätte und wir dann verlieren, rutschen wir vielleicht noch einmal in den Abstiegskampf rein. Und deshalb kann ich eben nicht immer meine Emotionen, die ich wirklich habe, rauslassen und auf alles draufhauen. Das muss man ein bisschen verstehen.

Die Frage klingt plump, ist nach den beiden Pokal-Niederlagen aber total ernst und sehr tiefgründig gemeint: Woran hat es gelegen?
Am langen Ende vielleicht an der Qualität. Wenn Raffael, Traoré, Hazard, Kramer, Jantschke – das sind nur die fünf, die mir ganz schnell einfallen – auf dem Platz oder komplett fit gewesen wären, hätten wir eine ganz andere Qualität und ganz andere Möglichkeiten gehabt. Damit meine ich nicht, dass die anderen Spieler schlechter sind. Uns hat aber diese ganz gewisse Qualität gefehlt, die du in finalen Situationen brauchst. Ich will uns nicht mit Bayern München vergleichen…

Aber?
Vielleicht ist das aber der Grund, warum Guardiola nie die Champions League geholt hat. Weil er in der entscheidenden Phase nicht seinen kompletten Kader zur Verfügung hatte. Es ist doch so: Wir planen die Saison und den Kader lange im Voraus und stellen das aus unserer Sicht bestmögliche Team zusammen. Dann fehlen Dir in den entscheidenden Momenten aber fünf, sechs besondere Spieler. Das wäre ein bisschen so, als wenn ihr jetzt dieses Interview vorbereitet, Euch die besten Fragen überlegt und ich dann krank bin. Dann könnt ihr keine dieser Fragen loswerden.

Lars Stindl hat in diesem Jahr eine enorme Entwicklung genommen. Es ist bemerkenswert, wie er in der Kabine Reden gehalten hat, wie er aufgetreten ist. Yann Sommer kommt dazu. Christoph Kramer entwickelt sich immer weiter. Ehrlich gesagt hatte ich ihn schon einen Schritt weiter gesehen. Chris hatte auch erst einmal ein paar Probleme mit den Nicht-Erfolgen.

Das könnten Dir einige Fans jetzt als „Ausrede“ vorwerfen…
Auf keinen Fall! Man kann natürlich immer einen noch größeren Kader haben – wir als Borussia Mönchengladbach aber eben nicht in der gleichen Qualität. Nur ein Beispiel: Raffa und Thorgan sind für uns elementar wichtige Spieler. Wenn die beiden ausfallen, haben wir einfach keinen gleichwertigen Ersatz. Wir können uns keinen dritten dieser finanziellen Kategorie leisten. Gut, wir hätten Thorgan nicht kaufen und uns dafür aber zwei weniger gute Stürmer leisten können. Aber ist das zielführend? Wir sind diesem Verletzungspech leider die ganze Saison hinterhergelaufen. Und deshalb sind wir in unserer Analyse auch zu dem Schluss gekommen, dass wir in diesem Bereich etwas ändern müssen.

Zu diesen Änderungen kommen wir später noch. War aber nicht auch ein anderes Problem entscheidend: Die Mannschaft hatte beide Gegner in den K.o.-Spielen in entscheidenden Phasen am Rande der Niederlage und konnte trotzdem nicht gewinnen. Fehlte in dieser Saison eine Art „Dolchstoß-Gen“?
Ich habe das schon vor der Saison immer wieder betont: Uns haben vier Charaktere verlassen. Martin Stranzl, Roel Brouwers, Havard Nordtveit, Granit Xhaka. Den Verlust solcher Persönlichkeiten kannst du nicht auf Knopfdruck auffangen. Gerade Roel, Martin und Howie haben die jüngere Vereinsgeschichte miterlebt und mitgeschrieben. Relegation, Champions-League-Quali, dann Europa League. Granit kam dann so ein bisschen als Junge mit großer Klappe dazu, ist erst einmal auf die Nase gefallen und hat dann gelernt, was notwendig ist im Fußball. Ihn zum Kapitän zu machen, war übrigens die größte Entscheidung von André Schubert. Granit war plötzlich kein Mitläufer mehr und musste ganz anders reagieren. Das hat ihn besser gemacht.

Also hat in der Mannschaft Hierarchie gefehlt?
Sie hat sich erst langsam entwickeln müssen. Lars Stindl hat in diesem Jahr eine enorme Entwicklung genommen. Es ist bemerkenswert, wie er in der Kabine Reden gehalten hat, wie er aufgetreten ist. Yann Sommer kommt dazu. Christoph Kramer entwickelt sich immer weiter. Ehrlich gesagt hatte ich ihn schon einen Schritt weiter gesehen. Chris hatte auch erst einmal ein paar Probleme mit den Nicht-Erfolgen. Die Jungs entwickeln sich aber überragend. Auch ein Jannik Vestergaard. Ich habe jetzt schon ein ganz anderes Gefühl als noch zu Beginn der letzten Saison.

Auch für Dich persönlich war die Saison sicher besonders. Du hast bei Borussia verlängert und ein Angebot des Branchenprimus ausgeschlagen. Viktualienmarkt gegen Alter Markt, Isar gegen Niers, garantierte Titel gegen harte Arbeit, Mega-Transfers gegen kostengünstige Ausleihen. Warum hast Du bei Borussia verlängert?
Das ist relativ simpel: Im Dezember bin ich jetzt 19 Jahre bei Borussia. Bei Bayern München habe ich 13 Jahre gespielt. Natürlich ist München meine Heimatstadt, meine Eltern leben dort und der FC Bayern ist einer der größten Klubs der Welt. Trotzdem habe ich eben auch hier sehr viel schätzen gelernt. Es hört sich vielleicht banal an, aber in Gladbach habe ich ein Stück Heimat gefunden. Mein Sohn ist hier geboren, wir sind sehr lange hier, haben uns niedergelassen. Und der Klub ist mir natürlich auch ans Herz gewachsen. Ich kenne Borussia in allen Facetten: Als Spieler am Boden liegend, als Jugenddirektor im Hintergrund, als Sportdirektor in der Kritik, als Sportdirektor mit Europapokal. Ich glaube, ich habe alles mitgemacht. Deshalb war es eine Entscheidung für Borussia. Auch wenn viele Leute mir gesagt haben: Wenn Bayern kommt, musst Du es machen.

Foto: Tim Siebmanns für MitGedacht.

Das hätten wir jetzt auch gefragt: Muss man so ein Angebot nicht annehmen?
Je mehr Leute mir das eingeredet haben, desto mehr habe ich nachgedacht: Muss ich es wirklich machen? Ich muss niemandem sagen, dass das Interesse von Bayern eine große Ehre ist. Ganz besonders natürlich von meinem Mentor (Uli Hoeneß, Anm. d. Red.), den ich immer verfolgt habe und bis heute in seiner Art als Vereinsfunktionär sehr bewundere. Auch wenn ich nicht weiß, was die Zukunft bringt, habe ich mich ganz bewusst für Mönchengladbach entschieden. Ich bin hier noch nicht fertig, möchte noch etwas erreichen. Außerdem gibt es eine Menge Menschen, die sich hier auf mich verlassen. Und das ist mehr wert als Geld, Titel oder große Reputation.

Wie eben schon angedeutet, hast Du seit 18 Jahren alle Extreme bei Borussia mitgemacht: Du warst gefeierter Kaderplaner, wurdest aber auch als „zufällig vorbeigekommener Fahrradfahrer“ abgestempelt. Was gibt Dir der Verein Borussia Mönchengladbach genau?
Sehr viel Herzblut, sehr viel Emotion und Grenzen. Ich weiß, was ich in diesem Klub kann und was ich vielleicht nie machen werde. Ich werde wahrscheinlich nie einen Kader komplett behalten können und noch einmal 30 Millionen on top setzen können. Aber es gibt einen klaren Weg, eine klare Philosophie und eine Perspektive. Diesen Klub viermal nach Europa zu führen, ist wie mit einem anderen Klub fünfmal Deutscher Meister zu werden. Das ist für mich gleichbedeutend, wenn nicht sogar höher einzustufen.

Als was für einen Typen würde sich der Manager Max Eberl selber beschreiben?
Ich bin jemand, der gerne Herausforderungen sucht. Ich bin nicht umsonst damals hier mit dem Fahrrad vorbeigefahren und habe mich als 35-Jähriger entschieden, diesen Klub zu leiten. Obwohl ich genau wusste, wie viel Probleme, Unruhe und Versuche es schon gegeben hat, als Verein endlich mal wieder den Kopf rauszustrecken und wieder erfolgreicher zu werden. Ich habe mir zugetraut, diesen Weg zu gehen. Weil ich glaube, dass ich diesen Ehrgeiz, diese Bodenständigkeit und auch diese Vision habe, einen Verein wie Borussia Mönchengladbach zu führen. Dieser Verein hat eine einzigartige DNA: Wir arbeiten mit jungen Spielern, müssen häufig Top-Abgänge verkraften, machen das aber mit einem geschlossenen Auftreten wett. Wir brauchen diese Gemeinschaftlichkeit, diese Geschlossenheit. Davon hat Borussia Mönchengladbach in meiner Zeit immer gelebt. Deshalb habe ich mich am Ende der Saison übrigens auch über Pfiffe oder Unruhe beschwert.

Auch wenn wir selber klar gegen Pfiffe im Stadion sind: Fans müssen aber auch einmal meckern dürfen!
Klar, Fans brauchen ihre Emotionen. Fans müssen manchmal auch rotzen und motzen, wie es so schön heißt. Aber wir brauchen alle für unseren gemeinsamen Weg. Und wenn dieser Weg nicht mehr akzeptiert wird, dann funktioniert der Verein nicht mehr. Ein Beispiel: Nico Elvedi macht im Dezember 2015 sein erstes Spiel gegen Bayern und ist in den ersten 20 Minuten gegen Coman total überfordert. Wenn er damals ausgepfiffen worden wäre, wäre er in seiner Entwicklung gehemmt worden. Er wurde gegen Bayern damals aber getragen. Ihr Fans habt ihn unterstützt, er hat in der 25. Minute seinen ersten Zweikampf gewonnen. Und heute ist er ein guter Bundesligaspieler geworden. Er ist noch nicht fertig, aber auf einem guten Weg. Das sind genau diese Momente, die für uns und unseren Weg entscheidend sind.

Zu deiner Fan-Kritik kommen wir später noch einmal zurück. Zunächst aber: Wie hat sich Max Eberl in 18 Jahren bei Borussia verändert?
Ich hoffe, nicht zu sehr. Dass ich dicker geworden bin und mich körperlich verändert habe, steht außer Frage (lacht). Ich hoffe aber, dass ich mich als Charakter nicht groß gewandelt habe. Ich glaube, es ist normal, dass ich in manchen Dingen klarer und selbstbewusster geworden bin. Im Grunde bin ich aber immer noch der gleiche bodenständige, gerade, offene Typ, der ich vorher war. Man kann mich anquatschen und mit mir reden. Ich lasse mir aber auch nicht alles gefallen und äußere, wenn mir etwas nicht passt, offen meine Meinung.

Ich weiß, was dieser Klub bedeutet. Ich weiß, was dieser Klub in der deutschen Fußballgeschichte geleistet hat. Deswegen ist es ja auch eine große und tolle Herausforderung dabei zu helfen, diesen Klub wieder dahin zu bringen, wo er mal gestanden hat.

Welche drei Typen haben Dich in den 18 Jahren hier besonders geprägt?
(Überlegt kurz) Auf jeden Fall Hans Meyer! Jeder, der mit ihm zu tun hatte oder hat, wird von Hans geprägt. Das merkt man vielleicht auch in einigen Interviews, wenn ich mal etwas ironisch-sarkastisch antworte. Da ist ein Stück Hans Meyer im Blut. Geprägt hat mich natürlich auch Herr Königs, weil er den Klub entscheidend mitgeprägt hat. Wenn ich Spieler für Gladbach gewinnen will, erzähle ich immer die Geschichte von den 18 Jahren, die ich jetzt hier bin. 1999 gab es den Abstieg und eigentlich keine Lizenz. Borussia war am Boden. Damals hatten wir ein Präsidium, das den Klub am Leben gehalten und wieder aufgebaut hat. Und dann noch den Schritt gegangen ist auch mit Rainer Bonhof und Hans Meyer sportliches Know-How dazu zu holen.

Und die dritte prägende Person?
(Überlegt noch einmal) Hm, da gibt es viele. Vielleicht stellvertretend für die vielen Mitspieler Steffen Korell und Jörg Stiel, mit denen ich mich immer super verstanden und auch heute noch viel zu tun habe.

Das passt ja: Korell und Stiel – zwei Spieler, die auch am Bökelberg noch für Borussia gespielt haben. Bei vielen Fans schwingt dieser Sehnsuchtsort ja immer noch irgendwie mit. Welche Erinnerungen hast Du an das alte Stadion?
Sehr viele natürlich! Wenn ich an den Bökelberg denke, tue ich das auch mit einem weinenden Auge. Der prägendste Moment war sicherlich, als ich im Januar 1999 nach Gladbach kam. An dem Abend, ich glaube es war der 4. Januar, bin ich mit Rainer Bonhof, der damals Trainer war, durch den Wellblechtunnel auf den Platz gegangen.

Ins leere Stadion?
Ja, genau. Schon als wir durch den Tunnel gelaufen sind, habe ich gedacht: Mensch, hier sind vor 20 oder 25 Jahren Meisterschaften entschieden worden. Hier fanden Europapokal-Schlachten statt, hier sind Spieler durchgelaufen, die Weltformat hatten. Das hat schon eine gewisse Ehrfurcht ausgelöst. Deswegen denke ich immer wieder an den Bökelberg zurück. Und deshalb ist das alles hier auch mehr. Ich weiß, was dieser Klub bedeutet. Ich weiß, was dieser Klub in der deutschen Fußballgeschichte geleistet hat. Deswegen ist es ja auch eine große und tolle Herausforderung dabei zu helfen, diesen Klub wieder dahin zu bringen, wo er mal gestanden hat.

Foto: Tim Siebmanns für MitGedacht.
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In Teil zwei unseres großen Max-Eberl-Interviews: Borussias Manager spricht über die Entwicklung im Fußball, Fanpolitik in Mönchengladbach und Deutschland und die kommende Saison. Seid gespannt!



Alle Fotos zu diesem Beitrag: Tim Siebmanns für MitGedacht.

9 Gedanken zu „Max Eberl – Teil 1: „Wir sind viel emotionaler als Fans glauben!“

  • 15. Juni 2017 um 23:14
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    Max verbinde ich mit dem Erfolg der letzten Jahre und den zukünftigen erfolgreichen Jahren die kommen werden ! M. Lehmann Nordkurve was sonst !
    Seid 1973 Fan , wegen Günter Netze und nun forever VFL

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  • 16. Juni 2017 um 12:00
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    Die Art und Weise wie Max Eberl über Borussia spricht, zeugt von großem Charakter!
    Er verkörpert alles, was wir Fans uns für den Verein wünschen.

    Er ist auf dem Weg eine prägende Personalie in der Vereinsgeschichte zu werden, das hat schon länger keiner mehr, nicht einmal ansatzweise, geschafft!

    Seit 1971 Fan, Berti war immer das Vorbild……

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    • 20. Juni 2017 um 17:17
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      „. Außerdem gibt es eine Menge Menschen, die sich hier auf mich verlassen. Und das ist mehr wert als Geld, Titel oder große Reputation.“
      Max Eberl hat Character. Ein Glücksfall für Borussia. Auch wenn mal etwas nicht klappt, wie Luuk de Jong. Ohne ihn wäre Borussia nicht da., wo sie heute steht.
      Und den Satz mit den Erfolgsfans, die nach München fahren sollen, kann ich nur ganz dick unterstreichen. Feuert die spieler lieberan, anstatt sie auszupfeifen!!!!

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  • 16. Juni 2017 um 13:33
    Permalink

    Ich finde Max ist mit dem ganzen Herzen dabei, man sieht wie er strahlt wenn er über die Borussia spricht! Für mich ist Max das beste, was der Borussia nach all den erfolgreichen Jahren passieren konnte. Seit 1973 Fan ,wegen Berti und Günther.

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  • 16. Juni 2017 um 15:05
    Permalink

    Max geht bei Borussia in Rente. Er hat die Raute im Herzen. Wir, die 80 000 Mitglieder, alle Nichtmitglieder und der gesamte Verein sind eine große Familie, das sah man bei den Europa Auswärtsspielen. Ich bin stolz darauf ein Borusse zu sein. Seit dem Aufstieg 1965 Fan und seit 17
    Jahren Mitglied

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    • 16. Juni 2017 um 18:16
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      Super ich bin auch seit 1965 Fan von Borussia Mönchengladbach und seid 2011 Mitglied. Allroundtalent Höhen und Tiefen erlebt und gelebt.

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  • 16. Juni 2017 um 20:53
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    Netzer,Haggi,Berti,Jupp.Kleff,Simonsen,Rupp, Hennes und und was gibt es schöneres als unsere Fohlen

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  • Pingback: Anonymous

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