Hertha BSC: der Möchtegern-“Big-City-Club”!

Am Wochenende muss Borussia zum letzten Bundesliga-Akt 2019 zur Berliner Hertha. Sportlich hoffen wir absolut auf einen Sieg. Auch weil sich die Hertha aus unserer Sicht auf einem gefährlichen Weg befindet. Das etwas andere Vorspiel!

Der Autor dieses Textes weiß noch ziemlich genau, was er damals gedacht hat, als die Berliner Hertha Ende November Jürgen Klinsmann als neuen Trainer vorstellte. In einer ersten Reaktion war da sogar ein Gefühl von Vorfreude auf den Grinse-Klinsi, der sich endlich mal wieder in Deutschland die Trainer-Ehre gibt. Der WM-Held von 2006 kehrt zurück. Ein spannendes Projekt, definitiv. Diese erste Reaktion wich allerdings bei genauerer Beschäftigung mit der Thematik absoluter Abneigung. Denn Hertha BSC ist aktuell auf einem ganz komischen Weg.

Klinsmann schloss sich schon ein paar Monate zuvor der Hertha an – als Aufsichtsrat. Der Ex-Nationalheld verbrüderte sich ausgerechnet mit dem Verein, der aktuell in Deutschland neben RB Leipzig oder der TSG Hoffenheim für den Fußball-Kapitalismus in Reinform steht. Hertha BSC hat sich in den vergangenen Jahren aus verschiedenen Gründen zu einem der unsympathischsten Vereine, die die Bundesliga zu bieten hat, entwickelt. Die MitGedacht.-Ferndiagnose ist ziemlich einfach: Der Verein überschätzt sich massiv, nimmt Funktionäre wichtiger als sich selbst und will unbedingt etwas werden. Der Klub inszeniert sich dazu in den sozialen Medien, die Verantwortungsträger schwadronieren ständig etwas vom ach so tollen, hippen Hauptstadtklub und einer eigenen Vorstellung der Bundesliga-Zukunft. Das alles passt wunderbar ins Bild des Fußball-Kommerz. Und uns nervt das einfach einfach nur!

Borussia als Anti-Hertha

Unsere Borussia hat in den vergangenen Jahren gezeigt, wie sich Traditions-Vereine mit harter Arbeit und einem Plan die oberen Tabellenplätze verdienen können. Die verschiedenen Gewerke im Verein (das Präsidium um Rolf Königs, die Geschäftsführung unter Stephan Schippers, der sportliche Verantwortungsträger Max Eberl sowie die jeweiligen Trainer) haben ihren Teil dazu beigetragen und einen überragenden Plan entwickelt, den der komplette Verein mitträgt. Ein Plan, der die Borussia in den letzten neun Jahren übrigens kontinuierlich (neben den Bayern und Dortmund) zur Einstelligkeit geführt hat.

Borussias Konzept ist dabei relativ simpel. Plump ausgedrückt will der  Klub mit einer ausgeglichenen Truppe (entwicklungsfähige Talente plus einige gestandene Spieler), einer einheitlichen Idee (junge Spieler entwickeln, sie dann wohlmöglich für viel Geld verkaufen) und klaren wirtschaftlichen Plänen (strategische Partner wie Puma, ein eigenes Stadion mit einem starken Umfeld, Marketingkampagnen) den nächsten Entwicklungsschritt erklimmen. Und der heißt langfristig “Best of the Rest” hinter den finanziell deutlich stärkeren Bayern, Dortmundern, Leipzigern, Leverkusenern oder Schalkern. Sportlich klappt das schon überragend gut. Auch im kaufmännischen Bereich macht Borussia unglaubliche Fortschritte.

Hertha und die Investoren

Hertha BSC dagegen versucht es auf eine andere Art und Weise. Und die finden wir (wie beschrieben) einfach nur unsympathisch – vor allem weil sie doch im Wesentlichen auf einem Faktor fußt: Geld! Und zwar solches, das nicht selbst erwirtschaftet wurde. Bereits 2014 investierte die New Yorker Private-Equity-Firma KKR 61,2 Mio. Euro in die Hertha. Im Winter 2018 kaufte der Klub alle Anteile des Finanzinvestors zurück – für knapp 70 Millionen Euro, finanziert zu einem Großteil über eine Anleihe, die der Verein bei institutionellen Investoren platzierte.

Vor dieser Saison erwarb nun der Investor Lars Windhorst über seine Beteiligungsgesellschaft Tennor 37,5 Prozent der Anteile. Das Investment beläuft sich zunächst auf 125 Millionen Euro. Die Hertha nutzte das Geld, um sich zu entschulden, was in einem ersten Schritt ja gar keine schlechte Idee ist. Im kommenden Sommer will Windhorst dann weitere 12,4 Prozent der Anteile übernehmen – für weitere 100 Millionen Euro. Dieses Geld will der Klub dann in die Finanzierung des Kaders stecken. Windhorst, das betonen bei Hertha BSC immer wieder die Entscheider um Geschäftsführer Michael Preetz und Co., habe (bis auf zwei Aufsichtsratplätze) kein Mitspracherecht in sportliche Belangen. Die Aussage wurde durch die Verpflichtung Klinsmanns konterkariert. Denn bereits zweimal hatte Preetz in der Vergangenheit versucht, Klinsmann zu verpflichten – ziemlich erfolglos. Erst Windhorst konnte seinen „Spezi Klinsi“ jetzt zur Hertha lotsen. Erst als Aufsichtsrat, nun als Trainer. Der Investor hat im Klub also durchaus ein gewaltiges Mitspracherecht. Ob sich die Hertha dabei nicht auf Glatteis begibt …?

Die Vision der “neuen Hertha”

Hertha, so ehrlich muss man sein, versucht als weiterer Klub neben Red Bull Leipzig oder der TSG Hoffenheim, die 50+1-Regelung irgendwie zu umgehen. Passend dazu outete sich Windhorst (der übrigens eine beispiellosen Werdegang vom „Wunderkind der deutschen Wirtschaft“ zum Pleitegeier im Zuge der Dotcom-Krise um die Jahrtausendwende vollzogen hat) bereits vor kurzem als Kritiker der Regelung. Der SPIEGEL zitiert den 39-Jährigen mit den Worten: „In keinem Land in Europa gibt es eine solche Regel. Allein aus diesem Grund ist sie schon nicht zeitgemäß!“

Die Vision der „neune Hertha“ unter den Klinsmännern und Windhorsts dieser Welt ist ambitioniert. Dem SPIEGEL sagte Windhorst: „Die Hertha kann wie andere Klubs in London oder Madrid zu einem echten ‘Big City Club’ werden!“ Klinsmann dagegen äußerte sich gestern bei der Spieltagspressekonferenz überraschend offensiv zu einem möglichen Neuzugang Mario Götze: „Durch unsere Konstellation mit unserem Investor haben wir mittel- und langfristig ganz andere Ziele und gehen da mit einer anderen Denkweise ran. Ob dann über Mario spekuliert wird oder über andere Champions-League-Spieler – das wird ganz normal sein. Das wird unsere Zukunft sein. Nach denen schauen wir uns ja auch um.“ Dazu passen die Gerüchte um unseren Ex-Kapitän Granit Xhaka, der angeblich im Winter zur Hertha wechseln wird. Ob das so eine gute Idee ist, lassen wir mal dahingestellt. Schade, Granit!

Borussia ist punktemäßig der wahre “Big Player”

Zum Glück verfährt Borussia anders. Das Projekt Hertha BSC mag ambitioniert und spannend sein, vielleicht träumt sogar der eine oder andere (weniger fußballromantische) Gladbacher von einem ähnlichen Weg. Wir sehen das aber grundsätzlich anders und lehnen solche Auswüchse ab! Es ist immer ein Risiko, sich in die Abhängigkeit einer einzelnen Person oder eines Unternehmens zu begeben. Das machte auch Max Eberl auf der Spieltagspressekonferenz am Freitag noch einmal klar. Unser Sportdirektor: “Wir stehen zu 50+1. Der Verein soll Herr des Handelns bleiben. Wir haben alles aus eigener Kraft geschafft. Darauf sind wir auch sehr stolz. Wir wollen vermeiden, dass ein Investor in zehn Jahren vielleicht irgendwann keine Lust mehr hat und wollen der Klub sein, der mit seiner Kraft, seiner Qualität und Kreativität sportlich erfolgreich ist.”

Wir stehen daher voll hinter diesem eher niederrheinisch-konservativen Weg unserer Vereinsbosse, der sich ja übrigens auszahlt. Borussia hat 34 Punkte auf dem Konto und könnte mit etwas Glück an diesem Wochenende sogar Herbstmeister werden. Alleine, dass wir diese Chance haben, ist doch überragend. Die Hertha dagegen dümpelt irgendwo im Tabellenkeller rum. Da können die Kollegen in der Hauptstadt noch oft vom “Big City Club” sprechen, horrende Ablösen zahlen oder mit inszenierten Handy-Filmereien versteckte Werbung für den eigenen Ausrüster betreiben.

Klar ist aber auch: Für einen Sieg in Berlin bedarf es einer letzten Willensleistung in diesem Kalenderjahr. Lasst uns noch einmal alles rausholen. Klinsmann und Co. haben zuletzt zwar zwei Spiele 1:0 gewonnen, wirklich berauschend war die Leistung der Hertha dabei aber nicht. Vieles erinnert an den drögen Pal-Dardai-Fußball. Zeigen wir der Hertha also, wer tatsächlich der Verein mit Zukunft ist! Zeigen wir ihnen, wer ein „Big Player“ im deutschen Fußball ist! Auf geht’s: Auswärtssieg!

Foto zu diesem Beitrag: Ott Andersen / AFP / Getty Images

4 Gedanken zu „Hertha BSC: der Möchtegern-“Big-City-Club”!

  • 21. Dezember 2019 um 7:45
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    Das ist ja wunderbar, das MG ohne Sponsoren auskommt.
    MG ist ein sympathischer Verein in einer “Kleinstadt”.
    Der Verfasser des Beitrags versteigt sich da sehr in mehr als unsachlicher Darstellung.
    Eine Nummer kleiner geht auch.

    Antwort
  • 21. Dezember 2019 um 11:24
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    Liebe Mitgedachtler,

    ich teile eure Einschätzung zur Hertha vollkommen. Ein Klub, dem man bisher relativ neutral gegenüberstand, ist dabei sich ziemlich negativ zu entwickeln. Sozusagen auf den “Erfolgsspuren” des Gesöffs aus Österreich.

    Ganz und gar nicht teile ich eure Auffassung, dass es Borussias Ziel sein sollte, langfristig zu den “Best of the Rest” zu gehören. Niemals. Das ist genau die Einstellung, die uns wieder dahin führt wo wir vor einigen Jahren schon einmal waren. Das Fohlenecho hat ja gerade erst eine schöne Titelgeschichte über Hennes Weisweiler geschrieben; sehr lesenswert. Glaubt ihr allen Ernstes, dass Borussia in den 70er Jahren das alles erreicht hätte, mit einer “Best of the Rest” Einstellung”. Sicherlich nicht.

    Borussia ist auf einem sehr guten Weg zu den “BESTEN”, nicht zum “Best of the Rest”.

    Schöne Weihnachten und hoffentlich 3 Punkte heute.

    Antwort
  • 21. Dezember 2019 um 17:43
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    Richtig Gerry👍🏻Wir machen uns immer kleiner als wir sind.

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  • 22. Dezember 2019 um 7:09
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    Granit Xhaka wechselt vielleicht von Arsenal zur Hertha. Und damit von einem Club, der zu hundert Prozent einem US-Milliardär gehört zu einem Verein an der Spree, der einen Investor hat. Wo ist da euer Problem? Der „Grinse-Klinsi“
    eventuell? Oder hättet ihr euch Xhaka lieber zurück gewünscht. Zur Borussia, die demnächst einen Hauptsponsor namens Puma haben wird, der für euch natürlich nur „strategischer“ Partner ist. Und Borussia inszeniert sich natürlich überhaupt nicht in den sozialen Medien und macht in China Wellnessurlaub. Und die Borussia spendet den Karten- Preisaufschlag gegen Bayern, BvB, Schalke und Kölle natürlich sofort an die Caritas. Und dann spielt „Grinse-Klinsi“ auch noch „Dardai-Fußball“. Und wir den tollen „Rose-Fußball“ ( bis auf die letzten 3 Spiele, die sahen doch eher nach „Hecking-Fußball“ aus). Und jetzt habe ich 50+1 „Gänsefüßchen“ gebraucht, fahr noch ins Borussenmuseum und schlafe eine Nacht (170,-Euro ohne Frühstück) im vereinseigenem Hotel, darüber nachdenkend, warum mich „Best-of-the-Rest“ irgendwelche an „Best Never Rest“ erinnert.

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