Fan-Hilfe: „Ein Urteil wäre gut für alle Fußballfans“

Vor dem Auswärtsspiel unserer Borussia in Manchester wurden die Busse der Ultraszene wenige Kilometer nach dem Start in Mönchengladbach auf einem Parkplatz von der Polizei kontrolliert. Der Grund: Eine Ausreisekontrolle. Nun geht die Fan-Hilfe Mönchengladbach gegen die Maßnahme vor. Wir haben mit Andreas von der Fan-Hilfe über den Vorfall und das Engagement der Fanhilfe gesprochen.

Andreas, was denkt man im ersten Moment, wenn man nach ein paar zurückgelegten Kilometern und nur wenigen Minuten Fahrt von der Polizei von der Autobahn geholt wird?
Man fragt sich, was denn jetzt überhaupt passiert. Als aktiver Fußballfan hat man über die Jahre natürlich schon einiges an fragwürdigen Polizeieinsätzen mitbekommen. Solch eine Maßnahme gab es aber in Mönchengladbach noch nie und deshalb stand zu Beginn ein großes Fragezeichen über den Köpfen. Als wir realisiert haben was los ist, änderte sich die Stimmung dann von Verwirrung in Unverständnis und Ärger.

Die Mitfahrer, aber auch die Fanhilfe, berichten über ein aufgestelltes Zelt, mehrere Hundert Beamte, Flutlichter und eingesetzte Spürhunde. Das klingt für uns nicht sehr improvisiert. Auch euer Eindruck?
Das war ganz klar eine akribisch geplante Aktion. Spontane Kontrollen von Reisegruppen, wie sie etwa manchmal nach Vorkommnissen bei Auswärtsspielen stattfinden, sehen definitiv anders aus.

Habt ihr im Vorfeld geahnt, was euch auf besagtem Parkplatz blüht?
Nicht wirklich. Kurz vor der Abfahrt machte das Gerücht die Runde, dass ein gutes Dutzend Mannschaftswagen vor der Autobahnauffahrt stehen würden. Zu diesem Zeitpunkt war aber nicht klar, dass diese auf Fans warteten, mal ganz davon abgesehen was uns letztendlich am Hohen Busch in Viersen erwartete.

Gab es in letzter Zeit öfter solch provokante Aktionen der Polizei?
Nein, in der Art nicht.

Wenn man sich mal vor Augen führt, dass die Fans in 20 Minuten nicht mehr im Zuständigkeitsbereich der deutschen Behörden gelegen hätten und der Bus vor der Überfahrt von Frankreich nach England sowieso kontrolliert wird, dann erscheint das Ganze noch sinnloser.

Wonach hat die Polizei konkret gesucht?
Über die Busmikrofone wurde das Suchen nach Pyrotechnik und Betäubungsmitteln angekündigt. Übrigens hat die Bundespolizei damit auch die ganze Maßnahme begründet.

Wie bewertet die Fanhilfe die Aktion im Rückblick?
In Anbetracht des riesigen Aufwands muss schon die Frage erlaubt sein, ob der Grundsatz der Verhältnismäßigkeit hier noch gewahrt worden ist bzw. ob diese Maßnahme nicht schlicht rechtswidrig war. Die Tatsache, dass hunderte Arbeitsstunden, der Einsatz einer Spezialeinheit und alle sonstigen Bemühungen lediglich der nicht-anlassbezogenen Kontrolle einiger Fußballfans dienen, mutet ja schon alleine absolut überzogen an. Wenn man sich dann mal vor Augen führt, dass die Fans in 20 Minuten nicht mehr im Zuständigkeitsbereich der deutschen Behörden gelegen hätten und der Bus vor der Überfahrt von Frankreich nach England sowieso kontrolliert wird, dann erscheint das Ganze noch sinnloser.

Ihr schreibt in eurem Text, dass die Aktion offensichtlich der „Sammlung zahlreicher Daten und Fotos“ diente…
Alleine durch das Herausgeben der Listen, die die Organisatoren der Busse wegen des Zeitdrucks übergeben mussten, sicherte sich die Polizei ja schon die Daten aller Mitfahrer. Außerdem mussten sich knapp 20 Personen einer intensiveren Kontrolle unterziehen, in deren Rahmen auch, entgegen vorheriger Ankündigung der Bundespolizei, Fotos aus mehreren Perspektiven gemacht worden sind.

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Wie begründet die Polizei solche Fotos?
Die Frage, was mit Fotos und Daten geschehen würde, blieb unbeantwortet. Gerade in Anbetracht der Tatsache, dass erst kürzlich wieder eine geheime Datenbank der Behörden ans Licht gekommen ist, in der sie tausende Fußballfans gespeichert hat, sind solche Methoden höchst fragwürdig. Es bleibt das Gefühl, dass diese Datensammlung ohnehin ein Ziel der Beamten war, entgegen der ursprünglichen Ankündigung.

Die Fanhilfe engagiert sich in der Sache. Habt ihr schon neue Erkenntnisse?
Seit der Veröffentlichung unserer Stellungnahme gibt es keine neuen Erkenntnisse. Die Maßnahme wurde wohl an oberster Stelle von der Bundespolizeidirektion Potsdam angeordnet – mehr wissen wir erst, wenn wir die Akte haben.

Was glaubt ihr: Mit welcher Rechtfertigung betreibt die Bundespolizei einen so enormen Aufwand, nur um Fußballfans bei einer Auswärtsfahrt zu kontrollieren?
Die Rechtfertigung dürfte nur schwer zu vermitteln sein. Das weiß wohl auch die Bundespolizei und wird sich daher in der Öffentlichkeit nicht allzu viel dazu äußern. In der Rheinischen Post sprach der Einsatzleiter davon, dass es darum ging, Straftaten der Fans in England zu verhindern. Da stellen sich natürlich die Fragen: Vertraut die Bundespolizei den englischen und französischen Behörden nicht, dass man solch unglaublich aufwendige Vorarbeit leisten muss? Hat die Bundespolizei in Manchester eher mit Straftaten gerechnet als in Turin oder bei vorherigen Auswärtsspielen? Immerhin hat es vorher nie eine solche Kontrolle gegeben. Und welchen Nutzen haben die Daten und vor allem Fotos, die von den Fans gemacht worden sind, wenn es um die Prävention oder Aufklärung von Straftaten in England geht?

Gute Fragen. Wie geht es nun für euch als Fanhilfe weiter?
Wir warten nun auf die Akte. Nach der Prüfung streben wir dann eine Fortsetzungsfeststellungsklage an. Das heißt: Wir werden vom Verwaltungsgericht die Rechtswidrigkeit der Maßnahme klären lassen.

In der Rheinischen Post sprach der Einsatzleiter davon, dass es darum ging, Straftaten der Fans in England zu verhindern. Da stellen sich natürlich die Fragen: Vertraut die Bundespolizei den englischen und französischen Behörden nicht, dass man solch unglaublich aufwendige Vorarbeit leisten muss?

Wie sind die Erfolgsaussichten?
Die Erfolgsaussichten kann man nicht seriös beziffern, erst Recht nicht vor Erhalt der Akte. Insbesondere in Bezug auf den oben angesprochenen Grundsatz der Verhältnismäßigkeit stellt sich aber schon die Frage, ob die Bundespolizei korrekt gehandelt hat.

Was wäre ein zufriedenstellendes Ergebnis für euch?
Natürlich ganz klar, wenn das Verwaltungsgericht die Rechtswidrigkeit der Maßnahme feststellen würde. In dem Rahmen wäre dann natürlich auch zu klären, was mit den Daten der Fans geschehen ist und dass diese aus sämtlichen ominösen Dateien gelöscht werden.

Schauen wir am Ende mal in die Zukunft: Werden solche unerwarteten Maßnahmen vielleicht bald zur Gewohnheit?
Hoffen wir es mal nicht. In was für einem Staat leben wir denn, in dem Fußballfans sich vor der Abfahrt zu einem Auswärtsspiel einer dreistündigen Kontrolle der Bundespolizei unterziehen lassen müssen?!  Auch in dieser Hinsicht wäre ein Urteil des Verwaltungsgerichts in unserem Sinne natürlich etwas Gutes für alle Fußballfans des Landes. Damit würde die Justiz den Behörden nämlich eine Grenze aufzeigen.

Alle Fotos zu diesem Beitrag: nordkurvenfotos.de

Ein Gedanke zu „Fan-Hilfe: „Ein Urteil wäre gut für alle Fußballfans“

  • 17. Dezember 2015 um 18:58
    Permalink

    Die NSU kann sich Jahrelang frei bewegen und morden. Terorristen können ein und aus reisen…
    Es gibt kaoten unter uns… Aber das rechtfertigt so was nicht.. und was passiert mit den Daten.

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