Stranzl: “Jeder ist ersetzbar – nicht aber Borussia!”

Mittwochmittag, Borussia-Park. Eigentlich waren wir für Dienstag verabredet, dummerweise macht die Fohlenelf am Samstag die Champions-League-Qualifikation klar. Drei Tage frei. Also treffen wir Martin Stranzl einen Tag später. Stranzl lässt etwas auf sich warten. Behandlung. Der Kapitän wirkt angeschlagen, der Rücken macht ihm zu schaffen. Redselig ist er trotzdem. Nach anfänglicher Abtastphase entwickelt sich ein faszinierendes Gespräch.

Martin, zu Beginn ein Zitat eines unserer Leser zu Deiner Abschieds-PK: „Seit dem Wechsel von Netzer nach Madrid hat mich kein Abschied mehr so mitgenommen. Stranzl wird als einer der großen Anführer in Erinnerung bleiben. Es wäre schön, wenn er dem Verein erhalten bliebe.“ Große Worte, oder?
In jedem Fall. Aber nicht allein diese Reaktion bedeutet mir sehr viel. Im Anschluss an die Pressekonferenz wurde viel berichtet und viele Kommentare sind verfasst worden. Das ehrt mich und zeigt mir, dass ich in meiner Karriere einiges richtig gemacht habe.

Du spielst seit über fünf Jahren hier, warst Kapitän, standest in über 100 Spielen auf dem Platz. Was bedeutet der Verein für Dich persönlich und Deine Karriere?
Es war damals der beste Schritt von Moskau hierher zu gehen. Bei Borussia habe ich die beste Zeit meiner Fußball-Karriere erlebt. Es hat alles gepasst: Meine Familie hat sich hier immer sehr wohl gefühlt, wir haben ein tolles Umfeld vorgefunden und uns ein Zuhause geschaffen. Unsere Kinder haben viele Freunde gefunden. Auch die Arbeit hier im Verein, mit den Fans, mit den Angestellten war sensationell. Alles ist – bei allen sportlichen und wirtschaftlichen Zielen, die so ein Verein haben muss – sehr respektvoll. Das habe ich sonst nirgendwo erlebt und das ist das größte Lob, das man allen Leuten bei Borussia aussprechen kann.

Was macht den Verein noch so speziell?
Borussia ist eine große Familie, das ist einfach so. Man sieht das auch gerade wieder mit Lars (Stindl, Anm. d. Red.). Seine Frau hat Probleme in der Schwangerschaft und der Spieler wird freigestellt. Er kann Sonntag bis Mittwoch bei seiner Frau sein. Kommt dann wieder, trainiert und spielt samstags drauf. Es ist für einen Spieler immer wichtig diesen Rückhalt zu haben, dann kann er seine beste Leistung bringen. Dafür tut der Verein wirklich alles.

Ist die Mannschaft denn so eng, dass solche angesprochenen familiären Herausforderungen auch bekannt sind und intern offen besprochen werden können?
Bei uns in der Mannschaft gab und gibt es da gar keinen Zweifel. Vom Charakter her ist die Truppe top. Da hat jeder auch ganz großen Respekt vor Lars, wie er momentan mit der nicht ganz einfachen Situation umgeht. Jeder, der Familie und Kinder hat, kann das nachvollziehen und die Mannschaft sagt auch: „Nimm Dir die Zeit, die Du und Deine Frau brauchen. Wir unterstützen Dich, wo es geht und wenn Du wieder da bist, kriegen wir alles andere gemeinsam hin.“ Familie ist einfach das Wichtigste!

Sportlich hast Du bei Borussia alles erlebt: Relegation, Platz vier, Champions League-Quali, Euro League, Platz drei, Champions League-Gruppenphase und nun wieder sensationell auf Rang 4. Warst Du Teil eines modernen Fußballmärchens?
(lacht) Man kann es sicher als Märchen bezeichnen oder einfach als Ergebnis kontinuierlicher Arbeit. Wir hatten mit Lucien Favre einen Trainer, der sehr akribisch war. Unter ihm wurde viel und hart trainiert, wobei er auch Spieler hatte, die das alles aufgesaugt haben. Dann kam ein neuer Coach, mit neuen Ideen, neuen Philosophien. Die Mannschaft war gierig, diese umzusetzen und wieder Erfolg zu haben. Deswegen hat das Ganze zwei Seiten: Nicht nur das moderne Fußballmärchen, sondern auch die akribische Arbeit. Du brauchst aber auch das richtige Spielermaterial. Da muss man sagen, dass da vom Verein sehr gut gescoutet wurde. In die Mannschaft wurden immer wieder Charaktere reingebracht, die zueinander passen. Du brauchst verschiedene Typen, um eine gute Mischung zu haben – wie es sicher auch in der Fanszene der Fall ist. Reibungspunkte bringen Fortschritt. Deswegen ist die Entwicklung in den letzten Jahren so erfolgreich gelaufen.

Auch in puncto Infrastruktur hat sich Borussia entwickelt. Du hast beim letzten Spiel am Bökelberg als 1860-Spieler auf dem Platz gestanden. Viele Fans trauern dem Bökelberg ja hinterher, aber mit dem Umzug in den Borussia-Park wurde ein weiterer, wichtiger Schritt gegangen. Wie bewertest Du die Entwicklung?
Der erste große Schritt ist abgeschlossen: Die Stabilisierung zwischen Platz eins und neun. Jetzt geht es darum, dass der Verein sich im internationalen Geschäft etabliert – aber auch das wird dauern. Allerdings sieht die Zukunft der Borussia gut aus: Aus der eigenen Jugend kommen immer wieder starke Spieler, dazu die internationalen Teilnahmen. Das sind rosige Aussichten. Vielleicht schafft es Borussia so, dass nicht nur Spieler weggekauft werden, sondern dass man auch mal die Chance hat, einzukaufen. So wie es sonst nur Dortmund oder Bayern machen. Früher war es so, dass hier bei Borussia Spieler für „wenig Geld“ verpflichtet wurden, um hier dann zwei, drei Jahre ihre Leistung zu zeigen und für eine hohe Ablösesumme wieder verkauft zu werden. Jetzt gilt es, die bestehende Mannschaft zu entwickeln. Wenn das gelingt, kann man auch davon reden, mal um die Meisterschaft mitzuspielen.

Ambitioniert…
Schon. Aber das ist das Ziel jeder Mannschaft, jedes Spielers oder Vereins. Ich habe immer betont: Man spielt Bundesliga, um Titel zu holen. Das dauert natürlich seine Zeit. Aber der erste Schritt – das internationale Geschäft als Grundlage – ist gemacht. Nicht mehr und nicht weniger. Der zweite Schritt – also das Gerüst der Mannschaft zu halten – braucht nun seine Zeit.

Mein emotionalster Moment? Das war sicherlich das Spiel gegen Werder Bremen. Wenn das ganze Stadion zur Auswechslung aufsteht, applaudiert und deinen Namen ruft. Das ist einfach ein unvergesslicher Moment.

Wäre es dennoch nicht jetzt an der Zeit, Spieler wie Granit Xhaka zu halten?
Wenn ein Spieler woanders hin will, ist es der falsche Ansatz als Verein zu sagen: „Nein, wir wollen Dich überzeugen hier zu bleiben“. Ich sehe das so: Wenn Du jemanden überzeugen musst, irgendwo zu spielen, ist der Spieler nicht mehr der Richtige. Wenn er weg will, dann muss der Verein die Hand aufhalten, gutes Geld mitnehmen und es wieder in die Mannschaft reinvestieren. Anders ist es natürlich, wenn der Spieler sagt: „Es gibt gute Angebote, aber ich würde gerne bleiben“. Dann muss man sprechen.

Du bist einer der wenigen Spieler, die noch aus der Relegationsmannschaft von 2011 dabei sind. Es sind nach erfolgreichen Spielzeiten viele Leistungsträger gegangen, wie Reus, Neustädter oder ter Stegen. Wie reagiert man auf solche Abgänge?
Einerseits ist es das Geschäft. Ich kann mich aber noch gut an einen Satz erinnern, als wir einen Austausch mit Fans hatten. Die sagten: „Unsere Loyalität und Zuneigung gilt dem Club und nicht dem einzelnen Spieler“. Sie haben sehr früh erkannt, dass einzelne Spieler kommen und gehen, Borussia aber für immer bleibt. Das finde ich toll. Als Spieler ist man anfangs enttäuscht, wenn jemand den Verein verlässt. Aber das ist ja die Entscheidung des jeweiligen Spielers. Deshalb ist es „schnell abgehakt“ und der Verein sucht nach neuen Spielern. Das Geschäft hat sich in den letzten Jahren weiterentwickelt. Die Vereine sind heute moderne Wirtschaftsunternehmen und wir die Angestellten. Ich sage mal so: Jeder ist ersetzbar – nicht aber Borussia. Dann kann man damit auch einfacher umgehen.

Wir haben viel über Borussia und den Verein geredet, vor allem über die fünf Jahre, in denen unglaublich viel passiert ist. Was war Dein emotionalster Moment im Trikot der Fohlenelf?
Das war sicherlich das Spiel gegen Werder Bremen. Nach fast einem Jahr Pause mit unglücklichen Verletzungen und dann steht das ganze Stadion zur Auswechslung auf, applaudiert und ruft deinen Namen. Das ist einfach ein unvergesslicher Moment. Im Anschluss sagte ich es auch, dass es sich genau dafür gelohnt habe. Die ganze Schinderei in der Reha – wieder ranzukommen an die Mannschaft. Da war dann das Bremen-Spiel für mich der schönste Moment, den ich hier hatte.

Am Samstag hing in der Nordkurve das Banner „Momente, die man nie wieder vergisst“. Wie sehr berühren Dich solche Gesten?
Sehr. Ich durfte das Banner mitnehmen und habe es nun zu Hause. Diese Gesten zeigen mir, dass ich schon ein bisschen was richtig gemacht habe in meiner Karriere. Ich habe zwar keine Titel gewonnen, glaube aber schon, dass ich hier im Verein ein- und ausgehen kann.  Das macht mich schon stolz. Wir hätten all das nicht geschafft, wenn die Fans nicht so bedingungslos hinter der Mannschaft gestanden hätten. So wie hier ist es nirgends. Klar, wir hatten in den letzten fünf Jahren schwierige Phasen, wo wir acht oder neun Spiele nicht gewannen und es teilweise bei einigen im Stadion unruhig wurde. Die Fans in der Nordkurve standen aber hinter uns und haben die anderen in die Schranken gewiesen. Das spürt man auch als Spieler und als Mannschaft.

Hast Du schon einen Ort für das Banner gefunden?
Ja. In meinem Haus in Österreich habe ich ein bisschen mehr Platz. Neben der Trikotsammlung wird sich dort ein guter Ort finden.

Du zeigst auch hier im Gespräch, dass Du Dich sehr für die Fanszene interessierst. Es ist bekannt, dass du schon zwei Mal für den Verein Nordkurve Aktiv gespendet hast – dich also auch für den karitativen Zweig der Fanszene einsetzt. Was macht für Dich als Spieler so eine Fanszene aus?
Ich habe mich darüber informiert, wie denn das Ganze in und außerhalb der Kurve abläuft. Das kriegt man als Spieler so gar nicht mit. Wir haben hier im Borussia-Park Leute, die sehr viel mit der Fanszene zu tun haben. Da kam man schnell ins Gespräch und ich wurde ein bisschen aufgeklärt. Zum Beispiel über Choreographien, die Finanzierung und wie sich die Leute da ehrenamtlich engagieren. Es ist eine unfassbare Leidenschaft, die Menschen für den Verein haben. Daher wollte ich auch ein Zeichen setzen und habe gespendet. Ich muss das auch nicht öffentlich breittreten. Das geht keinen was an, nur die Fans. Ich bin niemand der sagt, wir müssen da noch irgendwie eine große Aktion machen. Daher habe ich auch zu den Leuten gesagt: „Ihr seid dafür verantwortlich, macht was Gutes draus“ – und ich bin überzeugt, dass das Geld in guten Händen ist. Gerade für karitative Zwecke, für Kinderheime oder wo Not ist – das bekommen wir als Spieler nicht so mit. Deswegen ist es eine super Sache und zeigt, dass „Fan-Sein“ über die 90 Minuten hinausgeht. Ich glaube, das Miteinander geht in der letzten Zeit in unserer Gesellschaft sowieso verloren. Daher war es mir persönlich wichtig.

Es gibt darüber hinaus viel mehr Themen, mit denen sich Fans beschäftigen. Was ihr sicherlich auch am eigenen Leib mitbekommen habt, war der Derby-Boykott in der Hinrunde. Stört Dich als Spieler die fehlende Unterstützung?
Ja, schon. Das Spiel in Köln oder dann zu Hause in der Rückrunde lief nicht so ab, wie es sich gehört. Das war keine Derby-Stimmung. Sicherlich kann ich nachvollziehen, dass man eine öffentliche Stimme durch einen Boykott erhebt, weil man sagt: „So geht es nicht“. Aber Ihr Fans rivalisiert doch so stark mit dem 1. FC Köln und arbeitet dann in so einer Situation gefühlt zusammen. Das ist schwer zu durchschauen. Eventuell hätte man ein anderes Zeichen setzen können und eine gemeinschaftliche Aktion starten müssen. Also nicht einen Boykott sondern etwas in- oder außerhalb des Stadions. Das sind halt Sachen, die sind für Spieler, die nicht dauernd einen Einblick in die Szene haben können, schwer nachzuvollziehen.

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Was macht denn so ein Derby für Dich aus?
Ein Derby hat seinen eigenen Charakter und da gehört eine gute Stimmung dazu. Allerdings muss ich auch sagen: Was in Deutschland abläuft, ist ohnehin harmlos zu dem, was ich in Russland erlebt habe. Da war es üblich, dass im Stadion auch mal Bengalos gezündet oder Banner mit provozierenden Sprüchen zwischen den rivalisierenden Szenen gezeigt werden. Fußball ist Emotion und nach dem Spiel sollte das alles wieder vergessen sein. Schlägereien und jegliche Art von körperlicher Gewalt gehören zu einem Derby aber definitiv nicht dazu. Leider gibt es manchmal zu viele, die es auf die Spitze treiben – wie beim Platzsturm im vergangenen Jahr. Es wäre doch geil gewesen, wenn man in Köln nicht boykottiert hätte, sondern sich alle mit Maleranzug in den Block gestellt hätten, um diejenigen ein bisschen zu veräppeln.

Das Problem war, viele durften gar nicht ins Stadion. Leicht war dieser Boykott für niemanden. Aber das Thema ist Geschichte…
Eben drum, aber wie gesagt: Derby ist wichtig und die Atmosphäre ist einfach überragend.

Fans beklagen ja verschiedene Sachen. Sie sehen die einzigartige Fankultur durch die Zerstückelung der Spieltage oder durch zu hohe Eintrittspreise bedroht. Wie stehst Du zu diesen Themen?
Ich kenne das aus Russland. Auch dort war der Spieltag zerstückelt und es gab viele verschiedene Anstoßzeiten. Wie hier lag das an den TV- und Vermarktungsrechten. Dort gab es nur zwei Spiele um 14 Uhr, zwei weitere um 16 Uhr und so weiter. Fußball ist – wie gesagt – immer mehr Geschäft und da bleibt leider einiges auf der Strecke. Ich habe da kürzlich irgendwo einen Kommentar gelesen, der sich die Frage stellte: „Wer zählt als Fan mehr? Derjenige, der ins Stadion geht oder die Millionen Abonnenten, die das Spiel auf Sky verfolgen?“. Die Stadien bieten eben nur begrenzte Kapazitäten. Hier in Gladbach gibt es seit Jahren 30.000 Dauerkarten. Die sind alle vergriffen. Aber der Verein gibt eben nicht mehr raus, weil man auch Fans, die nicht jedes Spiel im Stadion verfolgen können, die Möglichkeit geben möchte Spiele mal im Stadion verfolgen zu können. Es ist ein schmaler Grat.

Wie stehst Du denn zu den immer mehr aufgeteilten Spieltagen?
Ich finde das nicht gut! Vielleicht wäre die Idee einer Art Fangewerkschaft etwas, aus der dann ein Vertreter in den entscheidenden Gremien mit am Tisch sitzt und stimmberechtigt ist. Letztendlich weiß ich aber auch nicht, wer solche Entscheidungen trifft und da die Macht hat.

Und wie sieht es mit den Ticketpreisen aus?
Da kann ich wenig zu sagen. Ich weiß nur, dass die Tickets in Spanien oder Italien auch sehr teuer sind. Aber die Stimmung hier ist überragend. Das sagen mir auch immer wieder Freunde, die mich besuchen. Diese einzigartige Stimmung sollte in den deutschen Stadien bleiben! Und wenn die Leute, die für eben diese Stimmung sorgen nicht mehr kommen, dann wird es schwierig.

Du hast schon viel über Fans, Stimmung und Choreografien gesprochen. Uns ist aufgefallen, dass Du bei den großen Spielen auch immer wieder in die Kurve schaust beim Einlaufen. Was bedeuten Choreografien für Dich?
Der Banner vom Wochenende hat es auf den Punkt gebracht: Das sind Momente, die bleiben! Der Verein hat ja mittlerweile einen eigenen Fotografen angestellt, der Fotos oder Videos von diesen Choreografien macht. Auch im Internet gibt es ja die bekannten Seiten mit unglaublichen Fotos oder Videos zu den einzelnen Spielen. Ich habe mich wie ein kleines Kind auf das erste Champions-League-Spiel zu Hause im Stadion gefreut. Obwohl ich damals ja im Krankenhaus lag. Es ist außergewöhnlich, dass sich Fans so viele Gedanken machen und so eine geile Aktion auf die Beine stellen. Bei den Choreographien dieses Jahr kann ich aber keine hervorheben. Jede Aktion war einzigartig. Nur bei der Choreographie mit den Schnipseln fand ich es schwierig zur richtigen Zeit auf den Auslöser zu drücken (lacht). Aber die Arbeit, die Disziplin – überragend!

Der Borussia-Park ist ja eine dieser sprichwörtlichen Festungen. Was macht ein Heimspiel für Dich aus?
Eigentlich ist es ja kurios. Wir haben auch auswärts immer viele Fans dabei. Dennoch hat es bei den Auswärtsspielen diese Saison nicht so gut geklappt. Woran das lag, kann ich gar nicht wirklich sagen. Ich war zu selten dabei (schmunzelt).

Da haben wir es doch!
Im Ernst: Ich glaube nicht! Eher haben die Mannschaften hier vielleicht auch ein wenig „Bammel“. Das hier ist eben unsere Heimat. Wir haben hier über die Jahre – auch durch die Relegation – ein besonderes „Wir-Gefühl“ entwickelt. Ich hoffe das bleibt auch so! Auch wenn die Spieler, die die Relegation und die letzten Jahre mitgemacht haben, immer weniger werden. Ohne unsere Heimstärke wären wir nicht da, wo wir sind. Das dürfen wir nicht vergessen.

André Schubert hat eine andere Spielidee: Das Spiel ist weiter nach vorne verlagert, dazu die Dreierkette. Wir spielen offensiver und flexibler. Er war von Anfang an im Gegensatz zu Favre ein wenig mehr der Kumpeltyp – ohne jedoch zu übertreiben.

Der Erfolg bringt aber auch eine gewisse Erwartungshaltung mit sich. Es gab – Du hast es angesprochen – in der Vergangenheit auch immer wieder vereinzelte Pfiffe, wenn es einmal weniger lief. Nervt dich so etwas?
Erwartungshaltungen stören mich nicht. Sie sind ja das Resultat unseres Erfolgs, unserer guten Arbeit und der Entwicklung. Das haben wir uns also erarbeitet. Aber: Ich glaube, die vereinzelten Pfiffe kommen von Erfolgsfans, die eben erst in den erfolgreichen Jahren dazugekommen sind. Die waren in den schweren Zeiten nicht da. Diese Leute sind dann eben verwöhnt von unserer zeitweise guten Spielanlage. Und wenn es dann mal nicht so läuft, werden sie nervös. Als Profi muss man damit umgehen können. Es ist aber schön zu sehen, dass die Fans in der Kurve da gegensteuern.

Du hast es gesagt: die Erfolge kamen immer mehr. Über alldem stand lange Lucien Favre. Welchen Stellenwert hat er für Dich und Deine Karriere?
Einen großen! Wir haben uns gut verstanden, auch wenn es immer wieder Reibungspunkte gab. Meine Aussage bei Sky („Es war immer schwierig, einen Weg gemeinsam zu finden.“, Anm. d. Red.) damals wurde von einigen Medien falsch ausgelegt. Da haben manche eine große Geschichte draus machen wollen. Da war aber gar nichts! Favre und ich haben auch nach seinem Rücktritt noch häufiger telefoniert. Wir waren vor allem deswegen so erfolgreich, weil wir uns gerieben und so neue Wege gefunden haben. Der Trainer hat die Richtlinie immer vorgegeben, dabei jedoch auch klar gesagt: „Wenn es irgendwas gibt, meine Tür steht offen! Redet mit mir!“. Und so bin ich. Wenn mich etwas stört, dann gehe ich zum Trainer oder zur Mannschaft. Das ist meine Aufgabe. Wir haben Lucien Favre viel zu verdanken! Was er als Coach mit uns gemacht hat, das war seine Handschrift.

Du hast Ende November gesagt, es sei ein „Schockmoment“ gewesen, als Favre zurücktrat. Was geht einem da als Spieler durch den Kopf?
Das war schwierig. Ich glaube, Lucien Favre hat das damals bewusst gemacht, um in der Mannschaft einen Schockmoment zu erzeugen – uns gewissermaßen aufzuwecken. Wir hatten dann nicht viel Zeit zum Nachdenken, weil wir direkt ein Spiel hatten. Das haben wir dann auch gewonnen. Aber der Rücktritt spiegelt seine Art wider. Als Spieler war ich am Anfang natürlich enttäuscht. Ich hatte gehofft, dass wir nach meiner Verletzung noch einmal zusammenarbeiten. Er war lange bei mir im Krankenhaus, um mir die schwierige sportliche Lage zu erklären. Wir haben gemeinsam viel erlebt und eine schöne Zeit gehabt. Aber es musste weitergehen. Da ist Fußball dann eben doch wieder Geschäft.

Und dann kam der Montag – das Geschäft eben! André Schubert wurde Interimscoach und später auch endgültig zum Cheftrainer befördert. Was macht ihn im Vergleich zu Favre aus?
Ich kann das so richtig erst ab der Wintervorbereitung beurteilen, weil ich wegen der Verletzung lange raus war und ihn nur in Gesprächen kennenlernen durfte. Er hat eine andere Spielidee: Das Spiel ist weiter nach vorne verlagert, dazu die Dreierkette. Wir spielen offensiver und flexibler. Das sind seine Ansätze, sein frischer Wind. Er war von Anfang an im Gegensatz zu Favre ein wenig mehr der Kumpeltyp – ohne jedoch zu übertreiben. Andrés Art ist anders. Das sind die größten Unterschiede. Er hat das erste – sehr erfolgreiche – Jahr hinter sich. Aber es ist wie bei Spielern: Das zweite Jahr in der Bundesliga ist das schwierigste! Da kennt jeder deine Abläufe, weiß was und wie du es machst und jeder kann sich auf dich einstellen. Lucien Favre hat da in jeder Sommerpause neue Ansätze eingebracht. Es wird für mich aus der Distanz spannend zu sehen sein, wie André das macht.

Nach dem Derby ging Favre. Eine Woche vorher der spielerische Tiefpunkt bei der 0:3-Heimniederlage gegen Hamburg. Dazu Deine schwere Verletzung unmittelbar nach deiner Rückkehr. Was geht einem da als Spieler, der schon einiges erlebt hat, durch den Kopf?
Im ersten Moment habe ich die Fußballschuhe dem Arzt gegeben – bzw. sie wurden mir ausgezogen – und ich habe gesagt: „Die kannst du wegschmeißen. Das war`s!“

Tatsächlich?
Im ersten Moment im Krankenhaus ja. Ich musste mich aufgrund der Schmerzen übergeben – das war hart. Vor allem weil ich mich eben erst von einer Verletzung zurück gearbeitet hatte – wahnsinnig frustrierend. Ich war echt am Boden – daher die Reaktion. Es kam mir auch alles wie eine Ewigkeit vor. Der Weg ins Krankenhaus – obwohl es eigentlich nur zehn Minuten Fahrt sind. Dann die Untersuchung und bis zur OP warten. Aber das war nur die erste Reaktion, denn der Rückhalt im Verein war riesig.

Wie war der Rückhalt genau?
Es waren alle im Krankenhaus: Rainer Bonhof, Steffen Korrell, Max Eberl, der Trainer, Stephan Schippers, Rolf Königs hat angerufen. Das hat mir unglaublich viel Unterstützung gegeben. Alle haben mir gesagt, ich solle das Ganze erstmal sacken lassen und runterfahren und dann eine Entscheidung treffen. Nach ungefähr vier Wochen bin ich dann in die Büros marschiert und habe gesagt, dass ich mich zurück kämpfen werde. Dennoch war der erste Moment nach der Verletzung eine Katastrophe. Meine beiden Gesichtshälften sind jetzt durch Platten gehalten. Bis jetzt waren da ja immer Knochen, die geben nach und splittern. Jetzt sind dort eben Platten, die sich bei einem Schlag nur nach hinten durchschieben und da verschiedenen Nerven durchtrennen können. Von daher ist es gerade so noch glimpflich ausgegangen. Das sind Sachen, über die man sich in meinem Alter Gedanken macht.

Aber für den Moment gegen Bremen…
…hat sich alles gelohnt! In Hannover durfte ich dann auch ran, das tat gut – auch wenn es nicht so erfolgreich lief.

Bildergalerie: Stranzl im Interview
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Aber blicken wir doch nochmal auf die schönen Seiten. Insgesamt 468 Spiele für 1860 München, den VfB Stuttgart, Spartak Moskau und die Borussia. Obwohl du keinen Titel geholt hast: auf so eine Karriere kann man doch stolz sein, oder?
Das sagen mir alle immer wieder. Ihr sagt das jetzt auch. Dennoch spielt man als Fußballer auch um Titel. In Moskau war das extrem. Dort wurden wir drei Mal Vizemeister und verloren das Pokalfinale. Für mich ist mein Titel – mein größter Erfolg – dass ich bei Borussia ein- und ausgehen kann. Hier werde ich mit offenen Armen empfangen. Dazu gehört auch, dass ich hier mit euch zusammensitzen darf und wir ein offenes und ehrliches Gespräch führen. Sowas entschädigt für vieles. Dennoch wäre ein Titel in fast 470 Spielen natürlich schön gewesen.

Hattest Du nicht Lust, die 500 Spiele noch zu knacken?
Fußball ist kein Wunschkonzert. Die letzten paar Tage waren die Rückenschmerzen wieder so heftig, dass es kaum ging. Die Zeichen sind eindeutig: Es reicht nicht mehr für den Leistungssport. Das muss man sich – auch wenn es schwerfällt – eingestehen und einen Schlussstrich ziehen.

Jetzt geht es in den Urlaub. Plötzlich ganz ohne Training, ohne Rummel, ohne Fans. Wie wird das von 100 auf null?
Das wird schön (lacht). Die letzten vier Jahre habe ich im Sommer immer mehr oder weniger durchtrainiert. Ich wusste, dass es in meinem Alter – insbesondere nach den vielen Verletzungen – nach drei oder vier Wochen Pause immer sehr schwer wird. Jetzt freue ich mich wahnsinnig auf den Sommer. Ich werde Zeit für die Familie, die Kinder und alle anderen Dinge haben, die als Profi zu kurz kamen.

17 Jahre Profifußball – was wird Dir am meisten fehlen?
Sicherlich das Gefühl in der Kabine zu sein. Das Gefühl der Mannschaft. Ich kann das gar nicht so genau beschreiben was das ausmacht. Jeder, der einmal Fußball gespielt hat, der wird das kennen. Das ist sehr speziell.

Bei Deiner Abschieds-PK und auch am Wochenende kamen Dir die Tränen. Wir haben Dich als stabilen, harten Innenverteidiger kennengelernt. Jetzt diese Seite an Dir…
Bei mir dauert es auch immer, bis ich mit Leuten warm werde. Viele, die mich kennen lernen, beschreiben mich als zurückhaltend oder sagen, dass ich nicht witzig sei, weil ich eben nicht direkt einen Spruch auf den Lippen habe. Ich öffne mich den Leuten erst langsam. Hier war ich nun echt lange. Das war dann schon emotional. Bisher haben ja nicht viele hier die Möglichkeit bekommen, sich mit einer PK zu verabschieden. Vor allen Leuten, die ich hier kennenlernen durfte oder mit denen ich zusammenarbeiten konnte. Der ganze Presseraum war voll, die Resonanz war überwältigend. Man kann Freunden im persönlichen Gespräch immer sagen, dass Schluss sein wird mit der Karriere. Das ist kein großer Akt. Aber das öffentlich vor so vielen zu formulieren und dann eben auch zu realisieren, dass wirklich Schluss ist, das hat mich sehr berührt. Der Fußball – und in den letzten Jahren Borussia – haben mein ganzes Leben gestaltet. Deshalb war es sehr emotional und ich habe die Kontrolle verloren.

Martin, Du erinnerst Dich an das Eingangszitat. Viele wollen Dich weiter hier bei Borussia sehen – in welcher Funktion auch immer. Kannst Du Dir das vorstellen?
(lacht verlegen) Das weiß ich noch nicht. Vorstellen kann ich mir das sicher. Der Verein hat gesagt, dass die Türen immer offenstehen. Das macht mich sehr glücklich und stolz. Aber erstmal möchte ich ein halbes Jahr frei machen und dann rausfinden, was ich machen möchte. Bisher kann ich gar nicht sagen, was mich interessiert. Will ich Trainer sein, ins Management oder in die Verwaltung? Keine Ahnung. Man muss da Sachen ausprobieren, um zu sehen: Was kann ich? Was will ich? Das ist die nächste schwierige Aufgabe, die mir bevorsteht.

Alle Fotos zu diesem Beitrag: Fabio Rizzetto/nordkurvenfotos.de - für MitGedacht.

14 Gedanken zu „Stranzl: “Jeder ist ersetzbar – nicht aber Borussia!”

  • 13. Mai 2016 um 8:55
    Permalink

    Martin , wir sagen Danke, Du warst die Zeit die Du bei uns warst immer nen geiler Spieler , ich bin nen absoluter Fan von Dir , ich muss lange , sehr lange zurückdenken so einen guten Abwehrspieler bei uns gehabt zu haben ,das ist schon ganz was besonderes . Ich hoffe Du bleibst dem Verein erhalten. Viel Glück für Deine Zukunft.

    Antwort
  • 13. Mai 2016 um 10:40
    Permalink

    Danke Martin! Du bist und bleibst einer von uns!

    Antwort
  • 13. Mai 2016 um 12:55
    Permalink

    Danke Martin für Alles! Noch vor 10 Jahren habe ich als Jugendlicher/Kind davon geträumt, dass Borussia irgendwann mal endlich wieder CL oder um die Meisterschaft mitspielt. Du und viele andere haben dies möglich gemacht. Dafür dankt Borussia dir mit ganzem Herzen!

    Ich muss fast heulen, wenn ich deinen Beitrag lese! 😀
    Soviel Verstand und Herz in einer Person. Hut ab. Du bist ein ganz Großer und auch, wenn du kein Titel geholt hast, kannst du dich zu den Helden der Weißweilerelf einordnen.
    Ich würde mich freuen, wenn du zusammen mit Max Eberl weiterhin für Borussia arbeiten würdest. Du bist nicht nur ein super Mensch, sondern kannst mit deiner Art und deinem Köpfchen auch weiterhin noch viel Gutes für Borussia, den Fußball und die Welt tun.

    Ich hoffe ich kann dies irgendwann auch mal von mir behaupten.

    Schwarz-weiß-grüne Grüße

    Antwort
  • 13. Mai 2016 um 13:12
    Permalink

    Danke Martin
    Du warst immer ein super Spieler gönn dir deine Auszeit und komme dann in die Borussen Familie zurück. Viel Glück für deine Zukunft

    Antwort
  • 13. Mai 2016 um 15:33
    Permalink

    Danke Martin, Danke für die geilen Spiele die wir mit Dir erleben durften!
    Du gehörst noch zu der selten geworden Art Spieler die sehr respektvoll mit den Fans umgehen
    und sich auch kurz mal mit ihnen unterhalten, das sieht man heutzutage eher selten, leider.
    Ich setze Dich bei meiner Borussia auf das Niveau von Netzer, Heynckes, Vogts und CO, du zählst
    zu den markantesten Spielern die Borussia je hatte!

    Viel Glück bei Allem was du in Zukunft machst und viel Spass mit deiner Familie!

    Antwort
  • 13. Mai 2016 um 16:43
    Permalink

    solche leute wie martin sind es die einen großen verein ausmachen , insbesondere die fohlenelf.
    ohne diese persönlichkeiten würde der verein immer noch unten stehen und nicht oben in der bundesliga. danke, danke, danke martin für die leistung dem verein gegenüber, für die ehrlichkeit und vor allem für deine klasse und gute arbeit die du gegeben hast für die mannschaft. viel spass für den weiteren weg, gesundheit für dich und deiner familie und ich hoffe das du dem verein auch in einem anderen umfeld erhalten bleibst.
    lg klaus aus hannover

    Antwort
  • 13. Mai 2016 um 20:57
    Permalink

    Du bist und bleibst ein großer Spieler mit Herz! Wenn es nur mehr von Dir geben würde! Einmal Borusse immer Borusse! Alles gute für Dein weiteres Leben ! Hoffentlich bei unserer so geliebten Borussia!

    Antwort
  • 13. Mai 2016 um 21:02
    Permalink

    Danke, Danke, Danke und vor allem großer Respekt vor Dir als Mensch! Bleib wie Du bist und die geilsten Titel sind eh die als Coach unserer Fohlenelf. 2020 wäre dafür das perfekte Jahr 😉

    Antwort
  • 13. Mai 2016 um 21:04
    Permalink

    Spieler kommen und gehen.
    An manche erinnert man sich mehr, an andere weniger.
    An dich werden wir uns immer gerne erinnern. Du bist ein Kämpfer, hast immer alles gegeben. Der Fels in der Brandung.
    Danke für alles und viel Glück für die Zukunft 🍀

    Antwort
  • 13. Mai 2016 um 21:19
    Permalink

    Es wird schwer werden einen neuen Spieler zu finden, der soviel positives in sich vereint, wie Martin Stranzl. In meinen 35 Jahren Borussia gab es nicht viele Spieler, die für den Verein so wertvoll waren. Hoffen wir, dass der Verein weiterhin gute Entscheidungen treffen wird. Danke Martin!

    Antwort
  • 14. Mai 2016 um 0:38
    Permalink

    Jeder ist ersetzbar….DU nicht. Du gehörst nachträglich in die Jahrhundertelf befördert!
    Alles Gute für die Zukunft für Dich und Deine Familie. Einfach…DANKE Martin

    Antwort
  • 14. Mai 2016 um 7:03
    Permalink

    Da.nke Martin…
    Mehr Borussia geht nicht

    Antwort
  • 14. Mai 2016 um 10:21
    Permalink

    Ein echter Typ…
    Ein Interview der Extraklasse…
    Ein echter Borusse…..beim geilsten Club der Welt…

    DANKE MARTIN !!

    Antwort
  • 15. Mai 2016 um 0:37
    Permalink

    schade für unser Mega-Talent Christensen,daß es ihm nicht mehr vergönnt war,neben diesem großartigen Abwehrstrategen zu spielen,es hätte dem Jungen wahnsinnig viel gebracht,sowohl auf dem Platz,als auch im Training!Danke,Martin für alles,Du wirst in Gladbach unvergessen bleiben!

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