Nie wieder!

Am Montagabend hat das Fanprojekt „De Kull“ zum Film „Liga Terezin“ und anschließender Diskussion mit Regisseur Oded Breda und dem Schatzmeister des DFB geladen. Wir haben uns den Film angeschaut – und überlegt, was wir Fans aus solchen Dokumentationen mitnehmen sollten.

Als das Licht nach ungefähr einer Stunde wieder anging, war es still im Raum. Kein Rascheln, kein Laut. Eine solche Stille ist an einem Ort, an dem sich viele junge Fußballfans befinden, sehr ungewöhnlich. Schaute man sich um, merkte man, dass der gezeigte Film deutliche Wirkung hinterließ. Solche Bilder muss auch der härteste Typ erst einmal verdauen!

„Liga Terezin“ ist kein normaler Fußballfilm. Es geht um das Ghetto Theresienstadt, das den Nazis als Vorzeigeobjekt galt. Hier wurde Fußball gespielt, die Häftlinge jüdischen Glaubens durften nach getaner Arbeit Freizeitbeschäftigungen nachgehen. Die Nazis hielten vieles filmisch fest, um es als Teil ihrer Propaganda zu nutzen. Der Außenwelt sollte ein Bild vermittelt werden, das den Schluss zuließ, den inhaftierten Menschen gehe es doch gar nicht so schlecht. Selbstverständlich ging es den Nazis nicht um Kultur- oder Freizeitangebote oder den Fußball als Sport. Und selbstverständlich ging es den Menschen noch viel schlechter als wir uns das je vorzustellen vermögen. Der Zynismus der nationalsozialistischen Propaganda offenbart sich spätestens an der Stelle, an der der Film Bilder von inhaftierte jüdischen Menschen zeigt, die scheinbar lebendig zusammensitzen, wenige Wochen später jedoch in den Tod geschickt wurden.

Antisemitismus bleibt ein Problem

Doch der Film zeigt nicht nur Bilder von damals, auf denen tatsächliche Fußballspiele im Lager Theresienstadt zu sehen sind, sondern schlägt auch eine Verbindung zu heute. Es geht um antisemitische Ausfälle von Fans in Prag, London oder den Niederlanden. Dazu gibt es O-Töne von Menschen jüdischen Glaubens, die erklären, wieso das Wort „Jude“ denn als abwertender Ausdruck genutzt wird. Es sind insbesondere diese Sequenzen, die den Film auszeichnen, weil sie die Folgen der Diskriminierung greifbar machen. Sie zeigen, dass es auch über 70 Jahre später noch immer Leute gibt, die aus der Geschichte nicht gelernt haben.

Der Film schafft es, den entsetzlichsten Teil der deutschen Geschichte mit dem Fußballsport in Verbindung zu bringen. Er zeigt auf der einen Seite, wie der Fußball Menschen, die unter unmenschlichen Zuständen leben müssen, kurzfristig Hoffnung vermitteln kann. Auf der anderen Seite ist er aber auch mahnendes Beispiel dafür, wie anfällig der Fußball für den Missbrauch durch Menschen einer bestimmten Ideologie und ihrem Vernichtungswahn ist. Besonders das gibt der Regisseur Oded Breda an einer bemerkenswerten Stelle des Films dem Zuschauer mit: Der Holocaust war – dieser Realität müssen wir uns stellen – das Ergebnis menschlichen Verhaltens.

In der anschließenden Diskussion ging es, neben ganz persönlichen Erfahrungen von Oded Breda, um die gesellschaftspolitische Rolle des Fußballs. Natürlich ist der Fußball nicht die Bühne, um Parteipolitik zu machen. Er muss jedoch auf allen Ebenen, sei es auf der höchsten Ebene bei der FIFA bis zum kleinen Dorfverein, Werte wie Antirassismus vertreten und vermitteln. Alle waren sich in der Diskussion einig: der Fußball bietet in diesem Zusammenhang eine Möglichkeit, Aufmerksamkeit zu erregen aber auch Brücken zu bauen. Und genau deswegen hat Oded Breda auch den Fußball gewählt, um über das KZ Theresienstadt und seine Folgen zu informieren.

Die Verantwortung der Fans

Doch was können wir Fans aus einem solchen Abend mitnehmen? Zunächst einmal wird im Angesicht dieser schlimmen Bilder wieder mal deutlich, dass die deutsche Geschichte niemals vergessen werden darf. Ein solches Verbrechen darf niemals in den Hintergrund treten. Nicht in 70 Jahren und auch nicht in 500 Jahren. Der Holocaust ist und bleibt immer Teil der deutschen Geschichte. Die Fans, die heute noch im Stadion aktiv sind, haben die Verbrechen nicht erlebt. Das bedeutet jedoch nicht, dass sie uns nicht betreffen oder wir uns damit nicht beschäftigen sollten.

Unsere Generation ist natürlich nicht verantwortlich für den Holocaust. Sie ist aber verantwortlich dafür, dass sich etwas Derartiges nie wiederholt! Sie ist verantwortlich dafür, dass sich in unserer Gesellschaft antisemitische Stereotype nicht weiterverbreiten können. Insofern sind wir als Fans im und um die Stadien dafür verantwortlich, antisemitischen Liedern, Bemerkungen oder Symbolen konsequent entgegenzutreten. Das Wort „Jude“ als Schimpfwort zu benutzen ist nicht witzig, cool oder harmlos. Es ist gefährlich! Nehmt Euch die Zeit, solche Filme anzuschauen. Nehmt Euch die Zeit, mit Freunden auch mal über solche Themen zu sprechen. Habt aber vor allem den Mut, Euren Freunden entgegenzutreten, wenn sie antisemitische Schimpfworte benutzen!

Wenn ihr gestern Abend keine Zeit hattet zu „De Kull“ zu kommen, schaut Euch den Film unbedingt an. Denn Oded Breda ist es mit „Liga Terezin“ gelungen, eine spannende Dokumentation zu liefern, die die damaligen Verbrechen und die Rolle des Fußballs aufarbeitet, ohne Probleme des heutigen Fußballs aus dem Blick zu verlieren. Ehrlich, authentisch und ohne ausschließlich den moralischen Zeigefinger zu heben, schafft es der Film zu zeigen, dass auch wir als Fans immer wachsam bleiben sollten. Der Holocaust ist passiert und kann daher wieder passieren. Es ist unsere Aufgabe, das zu verhindern. Dazu sollten wir über die deutsche Geschichte reden. Immer wieder!

Gegen das Vergessen! Gegen jeden Antisemitismus! Für mehr Toleranz – auch und besonders im Fußball!

7 Gedanken zu „Nie wieder!

  • 7. März 2017 um 16:07
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    Guter Artikel und wichtige Aussage!
    Leider ein riesen Problem in unserer Fanszene, wo immer der Deckmantel des „unpolitischen Fußballs“ instrumentalisiert wird. Egal ob bei Busanbietern, im Sonderzug, im RE beim Zugfahren oder im Block kommt es immer wieder zu „Juden“ Beleidigungen und rassistischen Gesängen und Pöbeleien. Leider sowohl in der älteren Fanszene ein Problem als auch bei jüngeren Fans und Ultras, die am Spieltag mit ThorSteinar rumlaufen.
    Natürlich gibt es auch viele Gegenbeispiele, aber dennoch gibt es das auch bei unserer Borussia.

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  • 7. März 2017 um 19:08
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    Leider kann sich die Szene in MG nicht grade damit schmücken sonderlich tollerant oder gar Antirassistisch zu sein. Mir ist somit ehrlich gesagt die Lust am aktiven Fan sein vergangen weil ich mit einem großteil dieser Leute, damit meine ich die aktive Fanszene, nichts zu tun haben möchte bzw. Ich mich nicht Arm in Arm mit ihnen in den Block stellen kann und fröhlich singen kann. Nazi-Klamotten, Deutschlandfahnen und vor allem rassistische/ antisemitische Sprüche oder Lieder färben leider auf die gesamte Szene ab.

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    • 8. März 2017 um 13:59
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      Hallo Dave, ich habe auch nichts für Nazis über, aber was ist denn an Deutschlandfahnen auszusetzen ?

      Außerdem ist unsere (auch aktive) Fanszene sehr wohl tollerant und im großen und ganzen sehr wohl Antirassistisch.

      Einzelne Außreisser gibt es halt bei der Masse von Menschen immer wieder aber diese sind nach meiner Erfahrung nach ähnlich wie z.B. unsere Hooligans prozentual nur ein sehr kleiner Anteil.

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    • 9. März 2017 um 14:49
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      Hier kann ich voll und ganz zu stimmen.

      Außer in einem Punkt: Deutschlandfahnen. Wo ist das Problem wen man eine Fahne seines Landes hat? In jedem anderen Land ist diese Fahne so viel Wert aber wenn ein Deutscher „seine“ Fahne schwenkt ist er direkt ein Nazi? Lächerlich!

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      • 16. März 2017 um 13:54
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        Es geht natürlich nicht allein um Deutschlandfahnen sondern im allgemeinen um patriotische oder nationalistische Gesinnung.

        Die national Fahnen von anderen Ländern sind genau so deplaziert wie die „unsere“.

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  • 8. März 2017 um 14:35
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    Hallo Mitgedachtler,
    ein sehr informativer und wichtiger Artikel!
    Bei mir im Oberrang Nord sitzt schräg unter mir ab und an eine Type mit Iro, auf der rasierten Schläfe steht fett tätowiert „Walhalla“ in Runenschrift… ich kann und werde mich mit dem nach Toren nicht abklatschen! Wäre er inzwischen ausgestiegen, würde er die Schrift mit längeren Haaren und einer Mütze abdecken, er will aber genau so gesehen werden! Vielleicht würde er, wenn er meine koreanische Frau sieht, Lust bekommen auf „Fidschis klatschen“ oder wie diese Typen so sagen…
    Das ist kein Einzelfall in Borussia Fanszene, achtet mal auf die Typen mit Runenschrift auf dem oder am Körper…
    Umso mehr lobe ich Euren Artikel!

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  • 9. März 2017 um 12:00
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    Sehr guter Artikel, Kompliment!!!!

    Ob er dazu beitragen, irgendetwas zu verändern? Ich habe meine Zweifel. Der größte Teil der Leute im Stadion hat diese Zeiten nicht erlebt. Dafür sollte man in erste Linie mal dankbar sein. Mein Vater war z.B. in russischer Kriegsgefangenschaft. Was der mir früher alles erzählt hat, möchte ich an dieser Stelle nicht weitergeben.

    Man schaue sich die Fanszene heutzutage mal an. Auch hier findet man einen großen Teil, der nicht mal mehr den guten alten Bökelberg kennt, mir dann aber etwas von Traditionsverein erzählen will. Wie will ich in der heutigen Jugend (okay, man soll das nicht verallgemeinern) ein Interesse und vor allem ein Bewusstsein dafür wecken, was damals in Deutschland passiert ist? Wie soll ich dem größten Teil der Fanszene begreiflich machen, dass deren Großväter oder Urgroßväter z.T. Menschen auf grausamste Weise gequält und getötet haben? Wenn jemand eine Antwort weiß, gerne her damit.

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